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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

XXIV. Die ehemalige Martins- und jetzige Laurentiuskapelle

 

Die im Winkel von nördlichem Seitenschiff und Nordflügel des Querhauses gelegene frühere Martins- und jetztige Laurentiuskapelle ist wie die Katharinenkapelle zwei Langhausjoche lang, aber deutlich breiter als ihr Pendant (breiter als ein Seitenschiffjoch und damit über das nördliche Querhaus hinaus nach außen ragend). Die Zweiteilung der Kapelle, die auch hier durch den stehengebliebenen mittleren Strebepfeiler des Seitenschiffes bedingt ist, wirkt sich daher nicht so einschneidend aus.

          Die Martinskapelle wurde 1515 von Meister Hans Hammer (Kanzel, Schatzkammer) begonnen und sechs Jahre später von seinem Nachfolger Bernhard Nonnenmacher fertiggestellt. Sie liegt damit zeitlich nur wenig später als der Vorbau nördlich des Querhauses, die ehemalige Laurentiuskapelle mit dem heute noch so benannten Laurentiusportal.

          Auch die Martinskapelle war von einem Bischof, Wilhelm von Hohenstein, als seine zukünftige Grabkapelle in Auftrag gegeben worden. Zu seinem Unglück fiel in seine Amtszeit die Reformation, so daß die geplante Grablegung dort nicht mehr stattfand.

          Wir haben schon erwähnt, daß der hl. Laurentius der Patron der Pfarrgemeinde des Münsters ist und sein Altar ursprünglich im nördlichen Querhausflügel aufgestellt war, genauer gesagt, in der romanischen Monumentalnische. Das nördliche Querhaus war also der der Gemeinde vorbehaltenen Bezirk im Münster. Mit der ehemaligen Laurentiuskapelle war ein erster baulicher Versuch unternommen worden, der Gemeinde einen eigenen, abgeteilten Raum zur Verfügung zu stellen. Die entstandene Kapelle hatte aber, als eine Art von Vorhalle für das Nordportal, einen sehr unglücklichen Standort und war durch die mittig hindurchlaufende Zugangsachse zur Kathedrale nur sehr bedingt für Messen zu gebrauchen. Deshalb wurde die kurze Zeit später begonnene Martinskapelle als eine räumliche Erweiterung des nördlichen Querhauses für die Pfarrgemeinde konzipiert: man öffnete ihre östliche Schmalseite in der Mitte mit einer großen Spitzbogenarkade, so daß jetzt von der Kapelle aus der Laurentiusaltar im Nordquerhaus sichtbar wurde und die Martinskapelle zu einer Art von Pfarrkirche innerhalb des Münsters werden konnte. Erst 1698 wurde die Wand unter dem Arkadenbogen wieder vermauert und vor ihr, auf der der Kapelle zugewandten Seite, der große Laurentiusaltar im Stil der französischen Klassik aufgestellt, den wir heute noch hier sehen. Auf der Rückseite, im nördlichen Querhaus, plazierte man die große Ölbergskulptur.

          Auch bei der Martinskapelle sind die beiden Seitenschiffarkaden durch Pfeiler weiter untergliedert, allerdings nur durch einen Pfeiler pro Joch. Es entsteht eine Aufteilung des Raumes in vier gleichlange Kapellenjoche. Der vierfachen Spitzbogenarkade zum Seitenschiff hin entspricht auf der nördlichen Außenwand eine Folge von vier breiten, dreibahnigen Fenstern. Die westliche Schmalseite der Kapelle ist gar nicht in Joche unterteilt, wir finden hier ein einzelnes, überbreites Spitzbogenfenster, mit einer mittleren hohen und zwei seitlichen, deutlich niedrigeren Fensterbahnen. Alle Fenster sind außen von krabbenbesetzten Blendbögen in Form von Eselsrückenbögen überfangen. Die Spitzen der Strebebögen sind mit Dreiecksgiebeln geschmückt, und das Kranzgesims wird auch hier von einer Balustrade bekrönt, hinter der sich das hohe Walmdach erhebt.

          Noch mehr als von außen fällt uns im Innern der Martinskapelle das gegenüber der Katharinenkapelle ganz andersgeartete Kompositionsschema auf. Der Raum ist nicht wie dort auf ein Streben in die Höhe ausgerichtet, sondern im Gegenteil, auf Breitenwirkung, auf ein festes und harmonisches Ruhen in sich selbst. Damit deutet sich hier bereits das Stilempfinden der Renaissance an.

 Die Ansätze des Netzgewölbes sind sehr tief heruntergezogen. Seine Rippen laufen nur sehr allmählich zu Bündelpfeilern zusammen, die gar keine ausgeprägte Kapitellzone zeigen. Statt dessen werden diese Dienstbündel in erster Linie durch lebensgroße Skulpturen geschmückt, die ihnen unterhalb der Fensterhöhe eingestellt sind. Die Gewölbe- ansätze wachsen nahtlos aus den Baldachinen dieser Figuren empor.

          Die hohen Wandpartien unterhalb der Fenster sind bis auf einen mit geometrischen Mustern skulptierten Fries, am unteren Rand einer Art von Kaffgesims, völlig glatt belassen.

         Die Skulpturen, die nicht nur im Innern der Martinskapelle, sondern auch im nördlichen Seitenschiff vor die Pfeiler gestellt sind, stammen alle aus dem 19. Jahrhundert. Auch die Glasfenster sind nicht ursprünglich: sie sind zwar zu guten Teilen im 13. und 14. Jahrhundert entstanden, wurden allerdings im 19. Jahrhundert von der abgerissenen Dominikanerkirche hierher überführt und zu einem neuen Ensemble zusammengesetzt.

 

 

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