Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

XVI. Die Nordfassade des Querhauses und das Laurentiusportal

 

Wir können den Nordflügel des Querhauses nicht durch das Portal in der Nordwand verlassen, denn dieses führt nicht direkt nach draußen, sondern in die ehemalige Laurentiuskapelle, die heute als Sakristei benutzt wird und für Besucher nicht zugänglich ist. Wir nehmen deshalb den eher unscheinbaren Ausgang im 3. Joch des nördlichen Langhausseitenschiffes. Er geht in einen kleinen Vorraum (1904, zu wilhelminischer Zeit, im Stil der Neogotik errichtet) und dann durch eine Tür in den maßwerkdurchbrochenen Außenarkaden auf den nördlichen Teil der Place de la Cathédrale.

          Vermutlich auf Grund seiner sonnenabgewandten Lage, im Schatten des hohen Westbaues, des Langhauses und des Vierungsturms liegend, verlieren sich nur wenige Touristen auf diese Seite des Münsterplatzes. Und so findet selbst das Laurentiusportal des Nordquerhauses kaum Beachtung durch die Passanten, die hier schnell vorübergehen, sei es, daß sie, vom Einkauf kommend und auf dem Weg zum geparkten Auto, in Richtung auf die enge Rue des Frères zusteuern, die am Priesterseminar vorbeiführt, sei es aber auch, daß sie in die Rue du Dôme abbiegen, um vielleicht noch eine Straßenbahn an der Place Broglie zu erwischen.

          Es bedarf zuerst der Betrachtung aus dem Abstand, um sich in der Nordfassade des Münsters zu orientieren. Eine Fülle von An- und Vorbauten ist dem eigentlichen Querhausflügel vorgelagert, und erst aus der Entfernung wird dieser als der zentrale Bauteil erkennbar. Zwei ungewöhnliche Strebepfeiler stützen das Querhaus an seinen Nordecken ab: mit diagonal abfallender Oberkante laufen sie, von den oberen Gebäudeecken kommend, weit nach außen, und zwar nicht parallel zu den östlichen und westlichen Querhauswänden, sondern etwas nach außen, "über Eck" abgewinkelt. Im Untergeschoß ist zwischen diese mauerartig vortretenden Strebepfeiler die ehemalige Laurentiuskapelle eingeschoben, mit fast flachem Pultdachabschluß. Nach Westen geht ihre Fassade nahtlos in die Außenarkade über, die um die ehemalige Martinskapelle (die heutige Laurentiuskapelle) herum und bis zum Westbau führt. Im Osten schließt sich an die ehemalige Laurentiuskapelle die 1744 entstandene Massol- oder Kanoniker-Sakristei an. Dieser achteckige, im Stil der französischen Klassik geschaffene Bauteil ist von der ehemaligen Laurentiuskapelle aus durch eine Tür im östlichen Strebepfeiler zugänglich. Treten wir so weit als möglich auf dem nördlichen Münsterplatz zurück, so erkennen wir hinter den Außenschranken die Martinskapelle und dahinter den Obergaden des Langhausmittelschiffes. Das nördliche Seitenschiff sehen wir nur rechts von der Martinskapelle, weil beide dieselbe Dachhöhe haben. Hinter der Massol-Sakristei ergibt sich eine ähnliche Staffelung: wir erkennen das Dach der etwas höheren Johanniskapelle mit dem Kapitelsaal und dahinter die Chorapsis.

          Trotz der ganz unterschiedlichen Bauzeiten und Stile weisen die nördlichen Anbauten gewisse Gemeinsamkeiten auf, die sie optisch zu einem vergleichsweise harmonischen Ensemble zusammenfinden lassen: es sind dies vor allem die überwiegend verwendeten Walmdächer, denen jeweils Maßwerkbrüstungen vorgestellt sind.

          Die ehemalige Lauretiuskapelle sticht jedoch deutlich von dem übrigen Ensemble ab. Es mag durchaus sein, daß sie einige Betrachter sogar abschreckt, zumindest aber ein wenig befremdet, denn ihre Fassade will so gar nicht zum Rest des Münsters passen. So werden sich viele Besucher leider von diesem Meisterwerk der Spätgotik schnell wieder abkehren.

          Um die Wende zum 16. Jahrhundert entstanden, zeigt dieser Vorbau einen ganz anderen Formenkanon, als wir ihn von der übrigen Münstergotik gewohnt sind. In fast "barocker" Weise scheint hier alles ein Zuviel an Formen und Einzelheiten zu sein, ein "Durcheinander", scheinbar ohne klare Strukturierung. Tatsächlich spricht man bei diesem Flamboyantstil von einem "gotischen Barock": denn wie die Stilepoche des 17. und frühen 18. Jahrhunderts den Renaissance-Stil weiterentwickelte bis zu dem Punkt, wo dieser kaum noch als ihre Grundlage erkennbar ist, so scheint auch die ehemalige Laurentiuskapelle nichts mehr mit der übrigen Straßburger Münstergotik gemein zu haben. Und doch: schauen wir länger hin, so finden wir auch hier die von der Gotik gewohnten Strebepfeiler wieder, die Baldachine über den daran befestigten Skulpturen, das Maßwerk, die Fialen und Kreuzblumen.

          Die Fassade der ehemaligen Laurentiuskapelle zeigt einen dreiachsigen Aufbau: in der Mitte das überaus reich geschmückte Portal, das mit dem Zentralportal in der Nordwand des Querhauses korrespondiert, und an den Seiten je ein großes Fenster. Dieser Fassadengliederung entspricht im Innern ein in drei Joche unterteiltes Gewölbe aus netzartig angeordneten, sog. gewundenen Reihungen, wie sie für die Spätgotik charakteristisch sind. Die Dreiachsigkeit des Aufbaus der Kapelle ist an der Fassade aber stark verschleiert, es entsteht fast der Eindruck einer Fünfteilung: außen neben den Fenstern finden wir Blendmaßwerk, das je ein weiteres Fenster suggeriert und sich bis vor die Frontseiten der seitlich begrenzenden Querhausstrebepfeiler schiebt. Das Blendfenstermaßwerk bildet je eine vierfache Arkatur, seitlich begrenzt von vorgelegten Säulchen und bekrönt von je zwei übereinander angeordneten Vorhangbögen. Den Säulchen und der Spitze des oberen Vorhangbogens sind Fialen aufgesetzt, die über die durchbrochene Balustrade hinauswachsen, die die Kapelle über dem Kranzgesims abschließt.

          Die beiden realen Fenster bilden breite Spitzbögen, denen ebenfalls eine vierfache Maßwerkarkatur eingeschrieben ist sowie im Bogenfeld ein Gewebe aus großen Maßwerk-"Schlaufen". Wie ein Wimperg sitzt über dem Bogenfeld ein einzelner Vorhangbogen, dessen Spitze ebenfalls in die Balustrade hineinwächst und darüber von einer Fiale bekrönt ist.

          Die Portalachse ist von zwei kapelleneigenen Strebepfeilern begrenzt, die so stark dekoriert sind, daß man sie kaum noch als solche erkennen kann. Das Portal selbst tritt durch rechteckige Rahmung mit Gewändebildung plastisch aus der Fassade hervor. Das auffälligste und ungewöhnlichste Merkmal aber ist der zeltartige Baldachin über dem Portal. Kranzgesims und Maßwerkbalustrade schieben sich in einer dreifachen Faltung balkonartig über das Portal vor. An ihrer mittigen, vorkragenden Spitze mündet ein dreidimensional geschwungener Vorhangbogen, dessen beide Arme sich von seitlichen Filialenvorlagen lösen, wiederum in der Art eines Wimpergs. Die Filialen gehen von Kämpfern aus, die auf der Sturzhöhe des Portals liegen und von überschlanken, neben die Portalgewänden gestellten Säulchen getragen werden. Etwas oberhalb dieser Kämpfer entspringt aus den Filialenvorlagen links und rechts je ein zusätzlicher, ebenfalls dreidimensional geschwungener Vorhangbogenarm, der zu der entsprechenden seitlichen Spitze des Faltbaldachins hochläuft. Auch an diesen beiden Punkten münden also Bögen. Aber was ist mit ihren inneren Armen, worauf ruhen sie?

          Man muß es selbst sehen, um es zu glauben: die inneren Arme der beiden seitlichen Vorhangbögen laufen, nachdem sie sich mit den Armen des zentralen Vorhangbogens verschnitten haben, in der Mitte über dem Portal in einem Kämpfer zusammen, der dort einfach in der Luft hängt, in der Art eines Abhänglings also. Aber nicht nur, daß die Bögen den Kämpfer tragen, anstatt umgekehrt: auf ihm, zwischen den beiden entspringenden Bogenarmen, erhebt sich zusätzlich eine Christusskulptur, die mit ihrem Kopf hinter der mittigen und räumlich vorkragenden Vorhangbogenspitze steht. Die Skulptur ist somit, genau wie die auf dem Türsturz plazierte Figurengruppe, baldachinartig überfangen, denn die Partien zwischen dem gefalteten Kranzgesims und den Oberkanten der Vorhangbögen sind durch Mauerwerk in der Art eines Faltdaches geschlossen.

          Überall gehen von den drei Bögen astartig weitere Bogenstücke aus, die aber nach wenigen Dezimetern einfach abgeschnitten sind und so wie abgebrochen wirken.

          Vielleicht haben wir in diesem zeltartigen Baldachin, der nicht nur Skulpturen überdeckt, sondern auch den Gläubigen, der die Kirche betreten will, das erste Bauwerk des Dekonstruktivismus vor uns. Von der Art her, wie hier die allgemein anerkannten Prinzipien der Statik außer Kraft gesetzt werden und das "Unsolide", ja sogar das Bruchstückhafte zum zentralen Dekorationsmerkmal erhoben wird, läßt sich diese Analogie zu dem Baustil des späten 20. Jahrhunderts wohl rechtfertigen.

          Der große Portalbaldachin bietet neben dem freischwebenden Christus auch einer Figurengruppe Schutz, die in vollplastischer Weise skulptiert ist und auf dem tiefen Türsturz Platz findet. Sie zeigt das Martyrium des hl. Laurentius: von zwei Schergen wird er auf einen Eisenrost gelegt, unter dem ein dritter gerade ein Feuer zu machen beginnt. Die Figuren, die an Ausdruckskraft in keiner Weise an diejenigen heranreichen, die an den Strebepfeilern neben dem Portal stehen, sind freie Nachschöpfungen aus dem 19. Jahrhundert. Die Originale wurden in der Zeit nach der Französische Revolution abgeschlagen. Der Bildersturm, der 1793 über das Straßburger Münster hinwegfegte, zerstörte in wenigen Tagen mehrere hundert seiner wertvollen Skulpturen unwiederbringlich.

          Bevor die ehemalige Laurentiuskapelle angebaut wurde, führte das Portal in der Nordwand des Querhauses unmittelbar nach draußen. Es war deshalb auf seiner Außenseite mit Gewände und Skulpturen versehen. Aber auch sein reliefgeschmücktes Tympanon fiel der Revolution zum Opfer: von den zwei von Meister Conrad Seyfer dargestellten Szenen, einer Anbetung der heiligen drei Könige einerseits und ihres Wegzuges andererseits, samt einer Darstellung König Davids mit der Harfe, sind heute nur noch Skizzen übriggeblieben.

          Glücklicherweise hatte man die Figuren rechts und links des Portals der Laurentiuskapelle rechtzeitig in Sicherheit gebracht, und so stehen sie heute wieder an dem Platz, an den sie von Meister Hans von Aachen Anfang des 16. Jahrhunderts gestellt worden waren. Auf Konsolen zwischen dem Portal und den Strebepfeilern sehen wir links (vom Betrachter aus gesehen) eine Madonna mit Kind stehen, rechts den hl. Laurentius mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand - bei dem es sich wohl um die Heilige Schrift handeln dürfte.

          Während diese beiden Skulpturen etwa Lebensgröße haben, sind die übrigen Figuren des Portalprogramms deutlich kleiner: es handelt sich um je vier Personen, die, in gleicher Sockelhöhe mit den beiden Großskulpturen, jeweils rings um die beiden Strebepfeiler herum angebracht sind. Links neben Maria sehen wir die drei Könige, Balthasar, Gaspar und Melchior, mit ihren Geschenken in Form von Weihrauch, Myrrhe und Gold. Ihnen ist ganz außen, mit Blick nach Osten, ein Diener zugesellt und, nicht zu vergessen, ein kleiner, treu zum Betrachter herunterblickender Hund zu Füßen des Melchior.

          Die Identifikation der Figuren rechts des Laurentius ist etwas schwieriger. Es könnte sich dabei um Papst Sixtus II. handelt, den hl. Stephan, den Apostel Jakob und den hl. Mauritius.

          Wer die Gesamtaussage dieses natürlich nicht willkürlich und gedankenlos zusammengestellten Figurenprogramms ergründen möchte, der sollte die Einzelheiten beachten: den "negroiden" Gesichtsausdruck des Kindes auf dem Arm Mariens zum Beispiel; die Tatsache, daß alle Figuren links der Madonna ein Knie unter ihrem Gewand hervortreten lassen; die strahlenförmigen Musterungen auf den Brusthemden der beiden äußeren Figuren, dem Diener und Mauritius; und schließlich die schweren, wie aus Blei gegossenen Gewänder der rechten Figurengruppe. Auch die Bücher in den Händen von Laurentius, Sixtus und Stephan, an denen alle drei zielgerichtet vorbeisehen, dürften nicht ohne Bedeutung sein.

 

 

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