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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

II.3. Veränderungen der Besitz- und Herrschaftsverhältnisse

 

Die Missionstätigkeit eines Klosters oder eines Bistums in einem neuen, vormals heidnischen Raum ging immer mit einem massiven, in der Regel durch Enteignung, manchmal auch durch Schenkungen erlangten Grunderwerb durch den jeweiligen kirchlichen Träger einher. So kann man umgekehrt aus den kirchlichen Besitzungen, die im Zuge der Eroberung jetzt in Sachsen nachweisbar werden, auf die damaligen Hauptträger der Mission in den entsprechenden Gebieten zurückschlie- ßen. Für das obere Leinetal ist dies zuerst das besagte Kloster Fulda, seit 780 aber vor allem auch das Erzbistum Mainz. Das alte Dorf Geismar etwa befindet sich bald geschlossen in Mainzer Besitz. Und nicht genug damit, daß die verschiedenen an der Mission beteiligten Klöster und Kirchen durch den immensen Grundbesitz eine entschei- dende wirtschaftliche Bedeutung in den neuen Räumen erlangten, sie entfalteten auch machtpolitische Aktivitäten mit jeweils ganz eigenen Interessen, was von Rivalitäten untereinander (Zehntstreit zwischen Fulda und Mainz) bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den weltlichen Mächten reichen konnte, Konflikten, die sie mit Hilfe eigener Burgen und bewaffneter Milizen ausfochten. So schwindet der Grundbesitz des Klosters Fulda im oberen Leinetal allmählich, wandert auf den verschiedensten Wegen zu anderen Kirchen oder Fürsten, während das Erzbistum Mainz hier auf Jahrhunderte hinaus eine Machtstellung aufbaut, die sonst nur von der Reichsgewalt und den sächsischen Herzogen erreicht wird.

          Doch die Veränderungen, die sich aus der fränkischen Eroberung auch für den Göttinger Raum ergaben, waren noch grundlegenderer Natur. Die Karolinger brachten das Lehns- und Fronwesen mit nach Sachsen und setzten es an die Stelle der bestehenden Gemeinschaft der „Freien“, der rechtlich untereinander gleichen und nur ihrem in der Stammesversammlung gewählten Fürsten und im Heerbann gemein- sam der Landesverteidigung verpflichteten Bauern. Die sächsischen Stammesversammlungen wurden von Karl dem Großen verboten. Außerdem wurde das besetzte Land völlig neu verteilt. Wie im Lehnsstaat üblich, entschied vor allem die Gunst oder Ungnade, die man sich beim König bzw. Kaiser erworben hatte, über die Zuteilung von Grund oder die Enteignung. Schon während der Eroberungskriege war die Front der Frankenfeinde und -freunde quer durch die sächsi- schen Sippen verlaufen, die im Göttinger Raum heimisch waren. Da gab es die Frankenfreunde aus den Sippen der Asig und der Billing oder Amelung, die vor ihren Verwandten ins fränkische Hessen geflo- hen waren. Im Kaufunger Wald gründeten sie später Rodungssied- lungen, die noch heute ihre Namen tragen: Escherode etwa nach Asig, oder Benterode nach Bennit, dem Sohn Amelungs. Andere, offensicht- lich frankenfeindliche Mitglieder derselben Sippen wurden dagegen von den Karolingern als Geiseln im fränkischen Machtbereich festgehalten, so etwa Titbald, der Sohn Sigibalds. Auch ihre Namen leben in Dörfern weiter, die noch heute in der Umgebung Göttingens existieren: Dep- poldshausen (Titbald) und Sieboldshausen (Sigibald). Manch andere Dörfer sind dagegen schon fast genauso vollständig von den Land- karten verschwunden wie ihre einstigen Namensgeber: das Andenken des Hiddi aus der Asig-Sippe zum Beispiel lebt nur mehr in den dörf- lichen Wüstungen +Hiddesen (in den alten Quellen Hiddeshuson (1010), Hiddeshusi (953) oder Hitdeshuson (952) genannt) und +Hid- denhusen fort.

          Hohe Gunst bei den Karolingern scheinen die Liudolfinger genossen zu haben, deren Machtbereich sich – sie stellten bald die Herzöge von Sachsen – von ihrem Kernland bei Gandersheim aus bald auf den gesamten Raum vom Eichsfeld über das Leinetal bis nach Nordhessen ausbreitet. Auch die Liudolfinger besitzen mit Grone – genau wie das Erzstift Mainz mit Geismar – bald ein ganzes Dorf im Göttinger Siedlungsraum, was nur durch Enteignungen erklärbar ist. Starken lokalen Einfluß gewannen aber auch die wenige Kilometer entfernt residierenden Herren von Plesse (heutige Burgruine Plesse bei Bovenden), die einer fränkischen Adelsfamilie entstammten und sich hier angesiedelt hatten.

 

 

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