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                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Stadtteile von Göttingen

Stadtgliederung Göttingen

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IV. Stadtentstehung

 

IV.1. Der Machtübergang an die Welfen

 

Doch kehren wir von der Kaiserpfalz Grona zurück zu unserem kleinen Dorf Gutingi, das noch immer ein unbedeutendes Dasein führt, zwar an einer Handelsstraße und in der Nähe einer Leinefurt gelegen, aber doch nach wie vor im Schatten seiner drei größeren Nachbardörfer Grone, Geismar und Weende. Um zu verstehen, wie und warum gerade aus dieser Ansiedlung eine Stadt wurde, müssen wir noch einen weite- ren Blick auf die große Politik werfen.

          Die Ernennung des sächsischen Herzogs Heinrich zum deutschen König im Jahre 919 zwang die Liudolfinger, überall dort, wo sie Grafenrechte innehatten, neue Grafen einzusetzen. Damit gingen die liudolfischen Lehen vielerorts in fremde Hände über. Im oberen Leinetal, dem pagus Lochne, wird offensichtlich der schon erwähnte Billing aus der nach ihm benannten, ortsansässigen Sippe zum Rechts- nachfolger der liudolfischen Herrschaft, seit 958 nennt er sich Graf. Nach dessen Tode 968 und angesichts der Kinderlosigkeit seiner Ehe müssen die mit seinem Grafentitel verbundenen Ländereien zu den Verwandten seiner Frau übergegangen sein, die aus der Familie der Grafen von Reinhausen stammt, welche ihrerseits auf eine andere alt- eingesessene Sippe zurückgehen, die ebenfalls bereits erwähnten Asig. Nach dem Aussterben der männlichen Linie der Reinhäuser gelangt ihr umfangreicher Besitz im Göttinger Raum schließlich an die Grafen von Winzenburg, die aus der Ehe der Reinhäuser Grafentoch- ter Mathilde mit dem bayerischen Grafen von Formbach hervorgegan- gen sind. 1152 wird der letzte Winzenburger, Graf Hermann II., ermor- det. Erbe seines – bis zu diesem Zeitpunkt noch beträchtlich ver- mehrten – Besitzes wird noch im gleichen Jahr ein Braunschweiger: Heinrich der Löwe, aus dem Geschlecht der Welfen.

          Nennen wir aber hier den Namen des Herzogs von Sachsen und Bayern als des neuen Herrn über das obere Leinetal, so müssen wir zwangsläufig auch gleich einen anderen Namen nennen: den Friedrichs I. Barbarossa, seines ewigen Gegenspielers. Wechselvoll war ja be- kanntlich das Verhältnis der beiden Vettern. Und das Antrittsjahr welfi- scher Herrschaft im Leinegau fällt zusammen mit der Ernennung des Staufers Friedrich zum deutschen König.

          Mit dem Tode Heinrichs V., des letzten Salierkaisers, im Jahre 1125 entbrannte zwischen den mit den Saliern verwandten Staufern und den sächsischen Welfen ein hefiger Streit um die Nachfolge auf dem deutschen Königsthron. Bekämpften die Staufer zunächst den zum König gewählten sächsischen Herzog Lothar von Supplinburg, so war es anschließend der bayerische Herzog und Welfe Heinrich der Stolze, der dem nunmehr gewählten staufischen König Konrad III. das Leben schwer machte. Erst sein Neffe Friedrich von Schwaben erreichte nach dem Tod Konrads, als dessen Nachfolger auf dem Königsthron, den Ausgleich mit Heinrich, dem Sohn Heinrichs des Stolzen. 1158 kam es zu einem Umfangreichen Tauschgeschäft zwischen den beiden, das dazu dienen sollte, die Machtbereiche der rivalisierenden Herrscher zu entflechten. Im Zuge dieses Tausches zog sich Friedrich – und damit die Reichsgewalt – aus einer ganzen Reihe von Burgen und Königs- höfen in der Region des Harzes und im Leinetal zurück.

          Insgesamt schwächte sich damit der Einfluß des Reiches im obe- ren Leinetal weiter ab, so daß sich die Stellung der Welfen als Landesherren deutlich festigen konnte. Lediglich das Erzbistum Mainz stellte mit seinen umfangreichen Besitzungen in der Region noch einen ernstzunehmenden Konkurrenten um die Vorherrrschaft in der Göttin- ger Region dar. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts soll die Reichsburg Grona, so berichtet es eine Chronik aus dem 16. Jahrhundert, zum ersten Mal zerstört worden sein. Möglich ist, daß dies innerhalb der Auseinandersetzungen zwischen Friedrich I. und Heinrich dem Löwen geschah, nachdem letzterer infolge der über ihn verhängten Reichsacht im Jahre 1180 seine Reichslehen verloren hatte. Dabei ist aber nicht einmal sicher, ob es die Welfen waren, die die Burg zerstörten. Es ist auch möglich, daß die Welfen selbst zuvor – über komplizierte Umwege der Erbfolge oder der Dienstherrschaft – die Kontrolle über die Burg erlangt hatten. Auch nicht ausgeschlossen ist, daß die Burg – falls sie denn überhaupt im 12. Jahrhundert zerstört wurde, archäologisch läßt sich das nicht beweisen – einer militärischen Auseinandersetzung der Welfen mit dem Erzbistum Mainz zum Opfer gefallen ist.

          Wie auch immer es gewesen ist: die welfischen Burgen und Städte im Niedersächsischen hatten sich Friedrichs Truppen bald kampflos ergeben, Heinrich mußte seine Niederlage eingestehen, wur- de begnadigt, erhielt sein Kernland Sachsen zurück, und so hatten die Welfen ihre Herrschaft über Gutingi schließlich behauptet. (Das schö- ne Bayernland hingegen, mit der von Heinrich gegründeten und um- sorgten Stadt München in seinem Herzen, war für immer an die Wittels- bacher verloren.)

 

 

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