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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Die Ernte

Vincent van Gogh, 1888

Van gogh Die Ernte

III. Intensivierung

 

III.1. Die Ernte

 

Östlich der Rhône, süd- sowie nordöstlich von Arles erstreckt sich eine Landschaft, flach wie die Camargue, aber im Gegensatz zu dieser trocken und steinig: die Grande Crau. Folgt van Gogh, von Arles kommend, einige Kilometer der Straße, die nach Tarascon in nördliche Richtung führt, so stößt er an die Ausläufer dieser Ebene und kann von einer leichten Anhöhe aus in sie hinuntersehen. Ein idealer Ort zum Malen. Bereits mehrfach hat er, im Mai 1888, Motive in der Nähe dieser Straße für seine Arbeiten gewählt: kleine, ländliche Häuser in wogen- den Weizenfeldern, die zuerst grün, dann sandfarben und gelb in der Sonne liegen. Auf einigen der Landschaften, die er in dieser Zeit malt, ist die Allee am Rande mit im Bild, und dann portraitiert er sich einmal sogar selbst, wie er, schwer bepackt mit der Staffelei auf dem Rücken, dem Farbenkasten und der Leinwand unter dem Arm, das sonnen- verbrannte Gesicht mit einem breitkrempigen Strohhut geschützt, ein buntes Kopfsteinpflaster entlangstapft: Der Maler auf dem Weg zur Arbeit.

          Der Blick von der Anhöhe in die Ebene hinunter fasziniert van Gogh. Links im Hintergrund, knapp unterhalb der Horizontlinie, ist von hier aus, auf einem aus der Ebene emporragenden Kalkfelsen gelegen, das Kloster Montmajour zu sehen, und dahinter die flache Bergkette der Alpilles, die die Grande Crau nach Norden begrenzt. Der Holländer fühlt sich, wie er in einem Brief an seinen Bruder Theo mitteilt, an die weiten, ebenfalls von der Anhöhe aus dargestellten Flachlandpanoramen des niederländischen Malers Philip Koninck aus dem 17. Jahrhundert erinnert. Heute kann man sie, im Amsterdamer Rijskmuseum, neben dem Bild bewundern, das Vincent van Gogh Anfang Juni von der Grande Crau malt und dem er, in Anlehnung an ein gleichnamiges Werk Cézannes, den Titel Die Ernte gibt.

          Das Gemälde ist mit 73 x 92 cm von größerem Format als alle bisher in Arles gemalten Bilder, und van Gogh mißt ihm selbst, wie in seinen gleichzeitigen Briefen zu lesen ist, eine herausragende Bedeutung bei für seine persönliche Stilfindung, die er in den südlichen, „japanischen“ Gefilden der Provence anstrebt: er will sich, vom Impres- sionismus herkommend, immer weiter den Darstellungsweisen der von ihm so bewunderten japanischen Farbholzschnitte annähern, ohne dabei sein Medium, die Malerei in Öl, zu verlassen.

          Die Horizontlinie des Bildes ist weit nach oben verlegt, so daß die Crau-Ebene mehr als drei Viertel der Bildfläche einnimmt. Vom Standpunkt des Betrachters aus fällt das Gelände unmerklich ab, läuft dann weit in die Ferne aus bis zum Fuß der Anhöhe von Montmajour und der Kette der Alpilles, die beide violett unter dem hellen, gleichmäßig blaugrünen Himmel widerscheinen. Von einzelne Obstgär- ten, Hecken und fernen Alleereihen abgesehen ist die Ebene baumlos, bestimmt wird sie von der goldgelben Farbe des gereiften Getreides. So wie van Gogh sie zeigt, ist sie in viele kleine Felder und Gärten zerteilt, die, manchmal durch Windzäunen voneinander abgegrenzt, aus diesem Blickpunkt von oben herab Kompartimente auf der Bildfläche ergeben, die sich durch feine Nuancierungen der Farbe und Textur gegenein- ander abheben.

          Kleine Gehöfte und einzelnstehende Nebengebäude ragen aus den Feldern heraus, mit roten Dächern und weißgetünchten Wänden, aber ohne Fenster und Türen, wie Spielzeugklötze. Und wenn sich an diesen Behausungen kein Mensch zeigt, so deshalb, weil alles draußen bei der Arbeit in der Sonne ist. Ein Schnitter arbeitet in einem Weizenfeld, weiter vorn erkennt man eine Gestalt, die sich in einem Obsthain zu schaffen macht. Überall sind kleine Gespanne zu sehen, die mit einer frischen Ladung Heu vergnügt nach Hause zu traben scheinen, oder aber bereits im Abladen begriffen sind. Am linken Bildrand, hinter dem Obstgarten, hat sich ein Heu- oder Strohschober aufgetürmt, die Leitern lehnen noch an seinen Seiten.

          Der Vordergrund, das untere Viertel des querformatigen Bildes, ist von einem leicht diagonal sich über die gesamte Bildbreite hinzie- henden Schilfzaun abgeteilt, der in seinem ganz leicht konkaven Verlauf etwas von der kleinen Anhöhe erahnen läßt, auf der der Betrachter steht. Vor dem Zaun erkennt man ein Weizenfeld, das sich mitten im Prozeß des Schnittes befindet. Ganz vorne sind die Halme bereits abgemäht, liegen flach auf dem Boden, als braunes, paralleles Strichmuster, während der freigelegte Feldboden in hellem Gelb sichtbar wird. Weiter zum Zaun hin steht noch ein unregelmäßig breiter Streifen goldfarbenen Getreides, durchsetzt von einigen dunkelgrünen Fremdkörpern, vielleicht Disteln. Obwohl, oder vielleicht gerade weil hier kein einziger Landarbeiter zu sehen ist, auch kein Werkzeug, hat der Betrachter den Eindruck, an dieser Arbeit der Schnitter unmittelbar selbst beteiligt zu sein. Er blickt aus ihrer Perspektive auf das in Arbeit befindliche Feld und möchte, angesteckt von der heiteren, auf dem Bild allgegenwärtigen Geschäftigkeit, unwillkürlich selbst Hand anlegen: der verbleibende Streifen Getreide muß umgelegt werden, und dann sind die lose daliegenden Halme zu Garben zu binden und zu Hocken zusammenzustellen.

          Mag also das Gemälde auf den ersten Blick, der angesichts der erhabenen Weite der Landschaft in die Ferne gerichtet ist, eher statisch erscheinen, den Betrachter beinahe stoisch unbeteiligt lassen, so ergibt sich, beim zweiten Hinsehen, im Vordergrund eine überraschende Wende: plötzlich ist nicht mehr die distanzierte Betrachtung dieser Landschaft das eigentlich Erfüllende, das bloße, fast unkörperliche Zuschauen, sondern das eigene Tun, das Mithelfen, Mitanfassen und das damit verbundene Gefühl, nicht außen zu stehen, sondern mit der ganzen Kraft und dem ganzen Empfindens des eigenen Körpers Teil dieses arbeitenden und darin erfüllten, sich selbst genügenden Lebens zu sein.

 

 

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