Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                                      Meditationen über Architektur

I.4. Der Gebetssaal der Moschee und die frühe christliche Kirche

 

Die Richtung, zu der hin die großen Moscheebauten ausgerichtet sind, ist normalerweise diejenige nach Mekka. Dort befindet sich das wichtigste Heiligtum der Muslime, und dorthin soll sich der Gläubige beim Gebet verneigen. Die Qibla-Wand, als Rückseite des Betsaals und Stirnseite der gesamten Rechteckanlage, genau gegenüber von Eingang und Moscheehof gelegen, gibt den in der Moschee Versammelten die Gebetsrichtung vor. Die Almohaden, als Baumeister der al-Moharren, der „heiligen“ Moschee von Sevilla, hatten in der Vergangenheit ihre Strenge auch in der Befolgung dieser architektonischen Vorschrift bewiesen. Die Kutubiya-Moschee von Marrakesch, Vorgängerin als Hauptmoschee des Almohadenreichs, hatten sie, gerade fertiggestellt, wieder abgerissen und unmittelbar daneben erneut aufgebaut: genauso wie vorher, aber mit einer um wenige Grad veränderten Ausrichtung des Gebäudekomplexes. Umso mehr verwundert es, wenn sich die mezquita mayor von Sevilla mit der Qibla-Wand fast genau nach Süden wendet, mit minimaler Neigung nach Osten, was der Richtung nach Mekka ja keinesfalls entspricht. Andererseits ist es in al-Andalus seit langem üblich gewesen, die Moscheen nach Süden zu stellen, so zu beobachten etwa auch bei der Umaiyaden-Moschee in Cordoba. Es scheint also, als ob sich diese spezifisch „andalusische“ Tradition beim Bau der Moschee von Sevilla, selbst unter der Federführung der so glaubensstrikten Almohaden, gegenüber der orthodoxen des Islam durchgesetzt hat.

          Nicht so streng waren die Vorschriften für die Plazierung des Alminar, des Minaretts. Man findet es in den verschiedenen Moscheebauten von al-Andalus und dem Maghreb fast auf allen vier möglichen Seiten des Baukörpers: steht es in Cordoba auf der Nordseite, neben dem Eingang zum Moscheehof, so findet man es bei der Moschee von Tinmal genau gegenüber, auf der Rückseite der Qibla-Wand. Das Minarett der Kutubiya-Moschee von Marrakesch befindet sich an einer der äußeren Ecken des Moscheehofs. Die Giralda dagegen steht vor der Ostseite des rechteckigen Baukörpers, genau dort, wo Moscheehof und Betsaal aneinandergrenzen.

          Wenn das Minarett der Hauptmoschee von Sevilla heute noch fast vollständig erhalten ist und sich auch das Aussehen des Sahn, des Moscheehofs noch erahnen läßt, so ist von dem einstigen Betsaal nichts übriggeblieben. Siebzehn parallele und, bis auf das mittlere, gleichbreite Schiffe liefen von Norden, vom Vorhof ausgehend senkrecht auf die Qibla-Wand zu. Die beiden äußersten auf jeder Seite führten als Galerien nach Norden weiter und flankierten so den Vorhof. Ein einzelnes Schiff, ebenfalls eine offene Galerie, bildete den nördlichen Abschluß des Hofes. Alle Schiffe waren mit Satteldächern überdacht – den tejados de dos aguas, Dächer „mit zwei Wassern“, wie sie im Spanischen heißen, und der Mitteleuropäer erkennt daran sofort, welche Wichtigkeit einem Dach neben dem Sonnen- und Wetterschutz im Mittelmeerraum zukommt.

          Die Qibla-Wand, als Hauptbezugspunkt der Moschee, war innerhalb des ansonsten einheitlichen Aufbaus des Betsaals besonders hervorgehoben. In ihrer Mitte befand sich der Mihrab, ein kleiner, nischenartig in die Wand eingelassener Raum, der die Präsenz des Propheten beim Gebet der Gläubigen symbolisieren soll. Traditionell ist seine Fassade, sei Portal besonders reich dekoriert. Zusätzlich verlief vor der Qibla-Wand der Hauptmoschee von Sevilla ein etwas verbreitertes Querschiff. Auch diese Disposition geht im Prinzip auf die Moschee von Cordoba zurück, wo eine auffällig gestaltete Querarkade einen Raum unmittelbar vor der Qibla-Wand abtrennt, der hier als ein nur dem Herrscher reservierter Bereich innerhalb des Betsaals gedacht war.

          Überall in Spanien waren den Christen im Zuge der Rückeroberung Moscheegebäude in die Hände gefallen. Kirchenbauten gab es nicht in den neubesetzten Städten, und so lag es nahe, vorerst das üppige Raumangebot der großen muslimischen Betsäle zu nutzen. Auch in Sevilla ließ Fernando III. die almohadische Hauptmoschee zur christlichen Kirche umgestalten, ohne mehr als ihre Inneneinrichtung anzutasten. Vor allem die Ausrichtung mußte geändert werden, denn der Chor des Kirchenraums sollte im Osten liegen. Aber dies war keine Schwierigkeit in der ganz auf Pfeilern errichteten, gleichmäßig gestalteten Halle. Man trennte einzelne Bezirke innerhalb des Raumes durch Eisengitter ab (denn der Betsaal, der für die Anwesenheit im Prinzip der gesamten Stadtbevölkerung am Freitagsgebet ausgelegt war, erwies sich für die kleine Schar der christlichen Eroberer natürlich als viel zu groß), stellte Altäre und Bänke auf und begann, den einen oder anderen Pfeiler mit Fresken oder Heiligenskulpturen zu schmücken. So entstand, symbolträchtig und mit wenig Aufwand, eine Kirche inmitten der Moschee, und 150 Jahre lang wurde sie auf diese Weise genutzt: in einer Zeit, da bereits nicht nur in Frankreich, sondern überall in Europa die großen Kathedralen der Gotik entstanden.

 

 

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