Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

I.3. Eine kleine Geschichte der Reconquista und die Puerta del Perdón

 

Das Eingangstor zum Orangenhof, im Norden, in der Calle Alemanes gelegen, war der Hauptzugang zur Moschee. In der Längsachse des rechteckigen Gebäudes gelegen, führte es nicht nur genau auf den Brunnen in der Mitte des Vorhofs, sondern jenseits davon auf den Haupteingang des riesigen Betsaals zu. Die Gerade, die am Eingangstor des patio ihren Ursprung nahm, verlief entlang des breiten und erhöhten Mittelschiffs des Betsaals und endete auf der entgegengesetzten Seite des Bauwerks genau an der Mihrab-Nische, in der Mitte der Qibla-Wand. Aber der Weg der Gläubigen, die zum Freitagsgebet zusammenströmten, führte immer zuerst zum Brunnen. Erst nach dem Ritus des Waschens war der Zugang zum Betsaal gestattet.

          Heute heißt der Eingang des Hofes Puerta del Perdón, Tor der Gnade. Und gegenüber dem großen Hufeisenbogen mit der überreichen Dekoration und den hohen, bronzebeschlagenen Flügeltüren, auf der anderen Seite des Brunnens mit der römischen Schale, öffnet sich ein gewaltiges Portal in die Kathedrale von Sevilla.

 Wie kam es dazu? Wo kam jener Fernando III, ‚el santo’, der Heilige her, der am 22. Dezember des Jahres 1248 mit seinem Roß auf der Plattform der Giralda stand, nachdem er die Schlüssel der Stadt vom muslimischen König Axataf in Empfang genommen hatte und feierlich in ihre Mauern eingezogen war? Mit anderen Worten: wie liest sich die Geschichte Spaniens, die einerseits die Geschichte von al-Andalus ist, aus der anderen Perspektive, derjenigen einiger versprengter Westgoten, die in den kantabrischen Bergen Zuflucht gesucht hatten vor der Übermacht der muslimischen Heere?

          Nun, diese Geschichte beginnt schon wenige Jahre, nachdem König Roderich in der Schlacht von Vejer de la Frontera gefallen war und die meisten Städte der Hispaniens vor den Eindringlingen kampflos kapituliert hatten. Sieben Jahre nach der Invasion aus Afrika, im Jahre 718, formierte sich das Königreich Asturien, das sich als Erbe des Westgotenreiches verstand. Zur neuen Hauptstadt wurde das kleine Oviedo erkoren, und zum König wählte man Pelagius, einen westgotischen Grafen. Natürlich stand es nicht in der Absicht der muslimischen Statthalter von al-Andalus, den Nordwesten der Halbinsel von der Einnahme zu verschonen. Im Gegenteil, voller Elan war man schon über die Pyrenäen vorgestoßen und hatte auch jene Teile des einstigen Westgotenreichs besetzt, die im Süden Franreichs gelegen hatten, im Roussillon und Languedoc. Man hatte Narbonne erobert, Carcassonne und Nîmes. 722 entsandte der Statthalter von Córdoba aus ein Heer nach Asturien, aber wider aller Erwartung wurde es bei Covadonga von Pelagius zurückgeschlagen. Das Königreich Asturien behauptete sich, nicht zuletzt dank seiner abgeschirmten, von unwegsamen Gebirgen umgebenen und nur schwer einnehmbaren Lage. Aber auch die Völker in den Pyrenäen leisteten Widerstand und konnten ihre Unabhängigkeit wahren: die Basken im Westen, dem späteren Navarra, rund um ihre Hauptstadt Pamplona, in der Mitte der Pyrenäen die Aragoneser. So bildeten sich drei Keimzellen heraus, die, zuerst jede für sich, den zähen Kampf gegen die Expeditionsheere der Muslime führten.

          Ein anderer, wesentlich gefährlicherer Gegner erwuchs den Statthaltern aus Córdoba jedoch in den Franken. 732 schlug Karl Martell die muslimischen Truppen vernichtend, die rhoneaufwärts und plündernd bis ins Burgund vorgestoßen waren. Karl der Große drängte sie endgültig über die Pyrenäen zurück und errichtete, auf dem Gebiet der alten Grafschaft Barcelona, dem heutigen Katalonien, die Spanische Mark als Grenzbollwerk.

          Im Windschatten dieser ersten, den Muslimen beigebrachten Niederlagen, gelingt es den Asturiern schon 750, Galizien zurückzuerobern und damit ihre Herrschaft bis zur Nordwestspitze der Halbinsel auszudehnen. Ganz langsam schieben sie sich im 9. Jahrhundert nach Süden über die Kordilleren vor und erreichen schließlich den Duero. Die Hauptstadt des Königreichs wird jetzt nach León verlegt, nicht mehr im schützenden Gebirge sondern auf der offenen Meseta, der spanischen Hochebene gelegen.

 Das Reich der Umaiyaden, unter seinem Emir Abd ar-Rahman festgefügt und gut organisiert, blieb auch unter seinen Nachfolgern lange Zeit wirtschaftlich und militärisch stark. Die arabischen Herrscher begnügten sich mit dem eroberten Gebiet, noch immer dehnte sich ihre Macht auf gut vier Fünftel der Fläche der Iberia aus. Doch in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts machten sich, nach verschiedenen Rebellionen von Teilen der Bevölkerung, einige und schließlich immer mehr der Statthalter des Emirs von Córdoba unabhängig. Es ging so weit, daß die Macht des Emirs kaum mehr über die Grenzen der Hauptstadt hinausreichte. Diese Situation machte sich Alfonso III., König von León zunutze, um militärisch tief in al-Andalus einzufallen. Es gelingt ihm schließlich, dem Emir im Jahre 900 einen Schutzvertrag abzupressen, der ihn nicht nur zu Tributzahlungen verpflichtet, sondern in dem dieser auch die politische Oberhoheit des Königs von León über ganz Spanien anerkennt: „Rex Hispanorum Regum“ nennt sich Alfonso III. fortan, und seine Nachfolger weiten den Titel zum „Imperator totius Hispaniae“ aus.

          Dem Umaiyaden Abd ar-Rahman III., 912 als Sohn seines Vorgängers an die Macht gekommen, gelang es schließlich, die Autorität der Zentralgewalt in al-Andalus wiederherzustellen. Er eroberte die abgefallenen Städte seines Reiches zurück und vertrieb die rebellischen Familien-Klans von der Macht. Aber auch in ihren marokkanischen Besitzungen waren die Umaiyaden unter Druck geraten, von den schiitischen Fatimiden, die von Osten her in den Maghreb vordrangen. Um seine Autorität ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, nahm er 929 den Titel eines Kalifen an. Córdoba wurde somit zum dritten Kalifat, neben dem Bagdad der Abbasiden und dem Kairo der Fatimiden. 939 fühlte er sich stark genug, um an der Spitze eines riesigen Heeres gegen den „Rex Hispanorum Regum“ zu Felde zu ziehen. Der Kalif erlitt aber bei Simancas am Duero eine solch vernichtende Niederlage, daß er selbst nur knapp dem Tod entkam.

          Trotzdem gelang es ihm in den folgenden Jahren, eine innere Schwächung der christlichen Königreiche auszunutzen und sie sich in einem –  jetzt entgegengesetzten – Schutzvertrag ihrerseits tributpflichtig zu machen. Unter Abd ar-Rahman III. und seinem Sohn al-Hakam II. erreichte das Umaiyaden-Reich seine größte Macht und seine höchste kulturelle Blüte. Die Erweiterungen am Bau der Großen Moschee von Córdoba, die diese beiden Herrscher in Auftrag gaben, gehören unbestritten zu dem Schönsten, was muslimische Baukunst jemals hervorgebracht hat. Die endlosen Reihen doppelstöckiger Arkadenbögen, mit ihrem gleichmäßigen Farbenwechsel aus „weißem“ Haustein und rotem Backstein, und die Rahmung der Mihrab-Fassade, mit ihren Marmorreliefs, den arabesken Lebensbäumen und dem kufischen Schriftdekor auf goldenem Mosaikgrund, ließen keinen der späteren Baumeister unbeeindruckt.

          Wenn sich Abd ar-Rahman III. und al-Hakam II. mit der politischen Macht über die christlichen Königreiche im Norden begnügt hatten, so münzte ihr Nachfolger, der kriegerische al-Mansur, jene in militärische Erfolge um. 988 eroberte, plünderte und verwüstete er die Hauptstadt León. Das gleiche Schicksal ereilte Burgos. 997 erreichte er sogar Santiago de Compostela in Galizien und zerstörte das Nationalheiligtum der spanischen Christen: die Kirche über dem Grab des heiligen Jakob. Aber al-Mansur war, bei all seinen äußeren Erfolgen, selbst kein Kalif, sondern ein Emporkömmling, ein ehemaliger Kämmerer. Zu Zeiten des noch unmündigen Hisham II. an die Macht gekommen, ließ er diesen, auch nachdem er den Kalifentitel erhalten hatte, in seinem Palast unter Hausarrest halten. So legte der, der León und die Grabkirche in Santiago verwüstet hatte, einen Zwiespalt in die umaiyadische Erbfolge und führte so, keine hundert Jahre später, zum Untergang dieses Reiches.

          Die Grafschaft Castilla im Osten des Königreichs León, so benannt nach den vielen Burgen (span. castillo), hatte innerhalb dieses Staatsgebildes immer mehr Macht erlangt, dehnte sich schneller nach Süden aus als die Zentralgewalt und spaltete sich schließlich, im Jahre 1035, als eigenes Königreich ab. Zwar fiel es zwei Jahre später als Erbschaft an León zurück, eine Erbteilung von 1157 machte es aber erneut unabhängig. Erst Fernando III., „el santo”, gelang es 1230 endgültig, beide Reiche zu vereinen. Das wiedererstandene Castilla y León war politisch und militärisch so mächtig, daß ihm gegenüber den kleineren Reichen, Navarra und Aragón (letzteres hatte sich auch die Grafschaft Barcelona mit Katalonien einverleibt), die unbestrittene Vormachtstellung zufiel.

          1085, nachdem sich das Umaiyaden-Reich in al-Andalus aufgelöst hatte zugunsten einer Vielzahl kleiner Einzelstaaten, den „Taifa“-Reichen, die sich untereinander bekriegten, gelang es Alfonso VI. Toledo zu erobern. Die einstige Hauptstadt der Westgoten, am Tajo, im Zentrum der Halbinsel gelegen, sollte von nun an auch die Hauptstadt Kastiliens werden. Noch herrschte religiöse Toleranz auch unter den spanischen Christen. Muslime und Juden konnte ihre Religion weiterhin ausüben, das friedliche Zusammenleben, daß kulturell für das Reich der Umayiaden so fruchtbar gewesen war, entfaltete seine Blüte auch im neuen, christlich beherrschten Toledo. Mudejaren waren es, „zum Bleiben ermächtigte“ Muslime, die die Paläste und Kirchen der neuen Stadtherren bauten, mit Hufeisenbögen, Stuckdekor, bunten Kachelmosaiken und kufischen, die Allmacht Allahs preisenden Schriftzeichen darauf, und die jener Stilrichtung den Namen gaben, die in Spanien bis in das 16. Jahrhundert hinein, in der Form des neomudéjar sogar bis ins 19. Jahrhundert fortleben sollte.

 Mit der religiösen Toleranz war es vorbei, als gegen 1100 der Kreuzzugsgedanke unter den christlichen Königshäusern des Abendlands aufkam. Zum Kampf gegen die Almoraviden wurden die Ritterorden von Calatrava, Alcántara und Santiago und der Templerorden gegründet. 1139, nach einem Sieg über die Muslime, erhob sich die leonesische Grafschaft Portucale zu einem eigenständigen Königreich und dehnte sich beständig weiter nach Süden aus. 1195, drei Jahre vor der Vollendung des Minaretts der Hauptmoschee von Sevilla, erlitten die Christen unter Alfonso VIII. von Kastilien, diesmal gegen den al-Mansur, „den Siegreichen“, der Almohaden, noch einmal eine schlimme Niederlage. Jetzt schaltete sich der Papst selbst ein und rief zum „Kreuzzug“ der vereinigten christlichen Reiche Spaniens gegen die Muslime von al-Andalus auf. 1212 besiegte Alfonso VIII., zusammen mit den Heeren Navarras, Aragóns und Portugals, die Muslime vernichtend bei Las Navas de Tolosa. Achtzehn Jahre später war die Herrschaft der Almohaden auf der Pyrenäenhalbinsel beendet.

          Selbst muslimische Geschichtsschreiber rühmten die Milde Fernandos III gegenüber der muslimischen Bevölkerung nach der Einnahme Sevillas. Den Beinamen „des Heiligen“ trug er offenbar genauso verdient wie sein Sohn, Alfonso X, denjenigen des „el sabio“, des Weisen. Nicht nur verlegte dieser, wie sein Vater vor ihm, den Regierungssitz Kastiliens nach Sevilla; er veranlaßt auch eine umfangreiche Übersetzungstätigkeit bedeutender juristischer, wissenschaftlicher und literarischer Bücher in die kastilische Sprache und verhilft dieser so zur bleibenden Vormachtstellung auf der Pyrenäenhalbinsel.

          Der Hufeisenbogen, der die äußere Toröffnung der Puerta del Perdón überfängt, ist oben zugespitzt, wie die almohadischen Arkadenbögen des Innenhofs, wenn auch so unmerklich, daß man es fast nicht wahrnimmt. Auch er wird, über den rechteckigen Pfeilern, die aus Backstein gemauert sind, von Kämpfern aus Quaderstein getragen, mit Hohlkehlen auf der Unterseite der nach innen ragenden Nasen. Der Bogen selbst (seine Stirn und Laibung), sowie der Alfiz und die Spandrillen zwischen Bogen und Rahmen sind ganzflächig mit Stuckdekor überspannt. Aber wenn die Stuckornamentik auf dem inneren, zum Hof hin gewandten und in sich gedoppelten Bogen des Eingangs noch aus almohadischer Zeit stammt, so wurde sie außen, zur Calle Alemanes hin, Anfang des 16. Jahrhunderts durch einen Renaissance-Dekor ersetzt. Nicht die zwar ebenfalls oft pflanzlichen, aber viel stärker abstrahierten und die geometrischen Motive der Muslime sind es, die der Betrachter entdeckt, sondern exotische, aber naturalistisch wirkende Pflanzen und Blattranken, Traubengirlanden und Füllhörner, gebändigt durch eine Vielzahl von Vasen, aus denen alles reliefartig hervorzuquellen scheint. Unübersehbar aber, in den Zwickeln, die beiden großen und besonders weit aus der Portalfläche hervorspringenden Wappen des neuen Herrscherhauses, jeweils unterteilt in vier Felder, von denen zwei, diagonal gegenüberliegend, durch jeweils einen Löwen (León) und die beiden anderen von stilisierten Burgen (Castilla) ausgefüllt werden.

          Noch an die Gotik dagegen erinnern jene zwei Ringe kleiner Maßwerknasen, mit denen die Innenseite des Hufeisenbogens besetzt ist. Platero wird jener spanische Dekorationsstil des frühen 16. Jahrhunderts genannt, in dem neben den Formen der Frührenaissance noch solche der Spätgotik, verknüpft oft mit Stilelementen des mudéjar erscheinen.

          Die beiden Flügeltüren aus bronzebeschlagenem Zedernholz, die rückseitig die gesamte Tor- und Bogenöffnung der Puerta del Perdón schließen, sind je fast neun Meter hoch und zwei Meter breit. Sie gelten als absolute Meisterwerke almohadischer Kunst und sind bis heute nicht nur vollständig erhalten, sondern auch an ihrem ursprünglichen Platz, dem Eingang zum Moschee- und jetzt Orangenhof verblieben. Ein einheitliches, als Relief gestaltetes Bandmuster ziert die Türflügel, dazwischen kleine Achtecke und etwas größere, längliche, wabenförmigen Felder. Jedes dieser Felder, es sind Hunderte, wenn nicht Tausende, ist mit einer kleinen Arabeske, einem verschlungenen, symmetrischen Pflanzenmotiv ziseliert, oder aber mit der Preisung Allahs in Form kufischer Kalligraphie: „Allah gehört die Macht – in Allah liegt die Ewigkeit“. Nur wer ganz genau hinsieht, wer auf wenige Handbreit an einen der Torflügel herantritt, wird erkennen, daß es sich tatsächlich das eine Mal um abstrakte Pflanzenranken, das andere Mal um stilisierte, arabische Schriftzüge handelt. Gänzlich zu verschmelzen scheinen Bild und Schrift in den beiden großen, bronzenen Türklopfern. Während der innere Teil ihrer Fläche von geometrischen, durchbrochenen Mauresken gefüllt ist, windet sich über den schnörkelhaft verlaufenden Rand ein ziseliertes Relief, daß man auf den ersten – und auch noch auf den zweiten Blick für ein Rankengeflecht hält. Tatsächlich handelt es sich aber um Suren aus dem Koran.

          Zwar haben die Renaissance-Baumeister das almohadische Tor zum Orangenhof weitgehend erhalten; nicht nehmen ließen sie es sich jedoch, die Außenfront der Puerta del Perdón durch einiges christliches Skulpturenwerk von nicht gerade kleinem Format zu schmücken. Auf Konsolen vor den beiden flachen Pilastern stehend, die das Tor einfassen, aber horizontal weit darüber hinausgehen, flankieren Petrus und Paulus, mit ihren bekannten Attributen, als überlebensgroße Terrakotta-Figuren die Hufeisenform. Über ihnen, rechts Maria und links ein Engel, die Szene der Verkündigung darstellend. Über dem waagrechten Balken des Alfiz ein riesiges Relief mit stark perspektivischer Wirkung, die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Über dem Gesims ein Relief der Giralda, begleitet von zwei Vasen mit stilisierten Liliensträußen. Und als Bekrönung, jenseits eines weiteren schmalen Gesimses, die espadaña, die Glockenmauer. Drei Durchbrüche zeigt sie, aber nicht in beliebiger Anordnung, sondern in Form einer Serliana oder, wie sie auch oft genannt wird, nach demjenigen, der sie so gerne und häufig verwendet hat: eines ‚Palladio-Motivs’.

 

 

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