Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

IV.3. La Capilla Real (Martín de Gainza, Hernán Ruiz II, 1552-75)

 

Die ursprüngliche Disposition der in die Almohaden-Moschee eingepflanzten christlichen Kirche, als Doppelanlage bestehend aus der bischöflichen Kathedrale und der Königskirche, der Capilla Real, wurde erst im 16. Jahrhundert wiederhergestellt. Bald nach dem Abschluß der Arbeiten an der Sacristía Mayor legte Martín de Gaínza die Pläne für einen Anbau vor, die dann über einen Zeitraum von 24 Jahren hinweg verwirklicht wurden, von 1552 bis 1576. Gaínza starb jedoch bereits 1556, so daß noch drei weitere Kathedralbaumeister an der Vollendung des Bauteils mitwirkten.

          Die Capilla Real ist weitgehend nach dem Prinzip eines Zentralbaus angelegt, mehr noch als dies bei der Sacristía Mayor der Fall war. Durch Ausbrechen der Rückwand der zentralen östlichen Randkapelle und durch Verlängerung dieses Raumes nach Osten entstand ein Quadrat von der Größe der Vierung bzw. des Zentralraums der Sacristía Mayor. Eine Tendenz zur Längung der Kapelle durch die Anfügung einer halbrunden Apsis im Osten (mit einem Durchmesser, der der Breite des Quadrats entspricht) wird in der Breite durch zwei Seitenkapellen kompensiert, die auf der Rückseite der an das Quadrat angrenzenden östlichen Randkapellen der gotischen Kirche angeordnet sind. (Diese Ostkapellen der inneren Seitenschiffe der Kathedrale bleiben dabei ihrerseits nur von dem gotischen Kirchenraum aus zugänglich.) Da die beiden so entstandenen seitlichen Räume sehr tief sind – sie haben dieselbe Breite wie die Randkapellen der Hauptkirche – sind sie jeweils in einen eigentlichen Kapellenbereich und eine dahinterliegende, durch eine Wand abgetrennte Sakristei unterteilt.

          Längen- und Breitentendenz der Capilla Real gleichen sich also aus, und wenn die drei Anbauten an das zentrale Quadrat insgesamt eine Neigung nach Osten aufweisen, so wird dies durch den gotischen Kirchenraum im Westen aufgewogen.

          Paradoxerweise vollendet der Zentralbau der Capilla Real gerade den Langbau-Charakter der gotischen Kathedrale als ganzer – oder er scheint es zumindest zu tun. Die neun Joche des fünfschiffigen Langhauses erhalten jetzt die Entsprechung eines Chors am Ostende angefügt, was dem Gesamtraum eine eindeutige Richtung gibt, von den drei großen Portalen im Westen auf eben diese Königskapelle zulaufend. Die Außenmauer des Ostanbaus ist dabei nicht nur um die zentrale Apsis herum, sondern auch die Seitenkapellen gerundet, so daß auch von außen der Eindruck eines dreischiffigen Chors entsteht, der die gotische Kirche vollendet.

          Tatsächlich ist die Capilla Real aber nicht mit dem Chor der Kathedrale identisch. Sie trägt den Charakter einer zweiten Kirche, die einstmals, in der riesigen Halle der Moschee, neben der Bischofskirche Platz fand, jetzt aber in den Neubau eben dieser integriert wird. Strukturell handelt es sich nur um eine Kapelle, vergleichbar mit den vielen anderen, meist einem Heiligen gewidmeten Seitenkapellen der Kathedrale, wenn auch ihre Bedeutung durch den baulichen Aufwand und die zentrale Position herausgehoben ist. Und in Bezug auf den eigentlichen Chor der Kathedrale, unterteilt in Presbyterium und Coro, behält die Kathedrale ihr einzigartiges Wesen als Pseudo-Zentralbau bei.

          Es entsteht auch kein wirklicher Tiefenzug hin zur Capilla Real. Dies liegt vor allem daran, daß sie durch den unglaublich hohen Altar der Capilla Mayor dem Blick von West her vollständig entzogen ist. Erst wenn der Besucher – nur um zu sehen, was da noch kommt – das Presbyterium und dessen rückwärtige Sacristía Alta umrundet, den Pseudo-Chorumgang benutzend, der ihn von einer der beiden Seiten aus in das neunte Joch des Mittelschiffs führt, wird er, in einem Ambiente, das durch die rückwärtige Vermauerung der Sacristía Alta und durch das weitgehende Fehlen von Fenstern in der Capilla Real zu dunkel wirkt, der zweiten, der prachtvoll ausgestalteten Königskirche gewahr.

          Die Wände der Capilla Real sind wesentlich weniger profiliert als diejenigen der Sacristía Mayor. Anstelle der dortigen, stark vortretenden Pfeiler mit ihren Halbsäulenvorlagen finden sich hier lediglich schwach ausgeprägte Pilaster, denen ebenfalls nur sehr flache Kandelabersäulen vorgelegt sind. Acht dieser Pilaster gliedern den Hauptraum der Kapelle, sechs davon unterteilen das zentrale Quadrat in zwei Joche, die beiden übrigen zerlegen die Apsis in drei etwa gleichgroße Wandabschnitte. Das erste Joch des Quadrats wird auf jeder Seite von einer großen, in die Wand gehängten Nische eingenommen. Diese Wandnischen dienen als Grabstätten für die Särge von König Alfonso X dem Weisen sowie seiner Mutter, Beatrix von Schwaben, der Gemahlin Ferdinands des Heiligen. Das zweite Joch öffnet sich je unter einem flachen Segmentbogen zu den erwähnten Seitenkapellen. Diese Kapellen erreichen jedoch weniger als die halbe Höhe des zentralen Quadrats, und so findet über ihnen je eine große Empore Platz, überfangen von einem Rundbogen. Die Wandabschnitte der Apsis werden wiederum durch Nischen ausgefüllt. Eine große, stehende und rundbogig überfangene Wandnische im mittleren Abschnitt beherbergt den Altar, links und rechts davon, in den äußeren Abschnitten geben jeweils zwei kleinere, ebenfalls stehende und rundbogig abgeschlossene Nischen Raum für jeweils eine große Skulptur. Hier sind wieder die vier Stadtheiligen von Sevilla zu finden, die der Besucher der Kathedrale auf Schritt und Tritt entdeckt: San Isidoro und San Leandro, sowie Santa Justa und Santa Rufina. Über den beiden Rundnischenpaaren sind in den seitlichen Wandabschnitten aber noch je eine weitere, doppelte Nische aufgehängt, überdacht diesmal mit einem Dreiecksgiebel und den vier Evangelisten vorbehalten.

          Für das ikonographische Programm der Capilla Real ist aber vor allem das Tympanon der Altarnische von Bedeutung, das ein Relief der Vision des Jesaja zeigt. Gott Jahwe war diesem wohlhabenen Bürger Jerusalems im 8. Jahrhundert vor Christus erschienen und hatte ihn durch die Wucht der Vision für sein ganzes späteres Leben zum Propheten berufen. Das Relief zeigt Jahwe auf seinem Thron sitzend, umgeben von sechsflügeligen, vergoldeten Seraphim. „Per me reges regnant”, besagt eine große, silberne Inschrift auf rotem Brokatgrund unübersehbar, durch mich regieren die Könige. Folgt man vom Gottvater aus einer senkrechten Linie abwärts, so ergibt sich eine Filiation, die über die Virgen de los Reyes mit ihrem bekrönten Christuskind unmittelbar zu San Fernando, dem heiligen König und Eroberer Sevillas führt. Sind seine sterblichen Überreste doch unterhalb des Altars postiert, in einem Reliquienschrein, der an Prunk und Pracht den ganzen Marienaltar und erst recht das Relief Jahwes weit in den Schatten stellt.

          Der architektonische Aufbau des Presbyteriums ist, um die Aufstellung eines solch gewaltigen Schreins unterhalb des Hochaltars zu ermöglichen, geschickt gewählt. Der Sarg steht auf einem eigenen Altar, der in der Mitte der Apsis und nur eine Stufe höher als der Hauptraum der Capilla Real postiert ist. Links und rechts dieses Altars führen breite Treppen auf ein etwa zwei Meter höher gelegenes Niveau, das den Schrein-Altar rückwärtig umgibt. Hierauf ist mittig, noch einmal um einige Stufen erhöht, der Hauptaltar lokalisiert, so daß dieser hinter dem Schrein des Königs sichtbar und für die Priesterschaft zugänglich bleibt. So ergibt sich eine Anordnung mit zwei optisch übereinander angeordneten Altären, die komplizierte liturgische Abläufe ermöglicht und immer das würdige Auf- und Abschreiten der breiten Seitentreppen einschließt, in schweren, bunten und goldbestickten Gewändern, die auch den Erzbischof von Sevilla und die vielen weiteren, an den Zeremonien beteiligten Personen in ihrer hierarchischen Beziehung zu Gott sinnfällig werden lassen.

          Der Silberschmied Juan Laureano de Pina arbeitete an dem Schrein für Fernando el Santo von 1690 bis 1719, also über einen Zeitraum hinweg, der größer ist als derjenige für den Bau der gesamten Capilla. Auf einem Sockel aus rosafarbenem Jaspis sind zwei ineinandergeschachtelte Behälter angebracht. Der innere, mit Wänden aus Glas, ist der eigentliche Sarg, in dem die mumifizierten Überreste des Monarchen aufbewahrt sind, gekleidet in ein weißes Gewand, der Kopf erhöht auf einem weißen Kissen und mit einer halben Krone bekränzt. Den inneren Sarg umgibt ein zweiter, aus getriebenem und ziseliertem Silber, mit vergoldeten Medaillons geschmückt und einem aufwendigen, weit emporgestreckten Gesprenge. Über und über ist der silberne Sarg mit floralen Motiven verziert, in einer Reichhaltigkeit, die selbst für den Barock außergewöhnlich ist.

          In der Regel ist das Innere des Schreins also dem Auge des Besuchers entzogen. Lediglich an vier Tagen im Jahr wird die Vorderseite des Silbersargs nach unten geklappt und durch die Glasscheibe der Blick frei auf den Leichnam des Monarchen.

          Auch das Frontale des Schreinaltars wurde von Laureano de Pina in Silber gearbeitet, in demselben floralen Stil wie der Schrein. Große Medaillons künden von Szenen aus dem Leben des Heiligen, darunter eine Marienerscheinung. Andere enthalten merkwürdige Embleme, die auf die Auseinandersetzungen San Fernandos mit den muslimischen Besatzern Bezug nehmen: einen Halbmond etwa, der zwischen seinen Spitzen ein stehendes Schwert hält; oder ein horizontales Schwert, das wie ein Pfeil angespannt ist, in einem Bogen, dessen Schaft das Aussehen eines Krummsäbels hat. Ein Medaillon auf der offenen Sargklappe verewigt jene Szene, die in der Kathedrale von Sevilla wieder und wieder Gestaltung findet, sei es als Gemälde, Skulptur oder Relief, auf Leinwand, in Holz oder Metall: die demütige Übergabe der Stadtschlüssel an San Fernando, auf einem silbernen Tablett durch den muslimischen König Axataf.

          Daß der Blick des Besuchers der Capilla Real lieber nach unten, zum Sarkophag San Fernandos hin gerichtet ist als nach oben, ist auch die Folge einer gerade im Gewölbebereich wenig gelungenen Architektur. Zwar ist der quadratische Kernraum in der Art des römischen Pantheons von einer kassettierten Kuppel überdeckt, die Kassettierung beißt sich jedoch mit derjenigen der Halbkugelkappe der Apsis. Diese, als riesige Jakobsmuschel gestaltet, trägt in den stark gelängten Kassetten zudem ausschließlich Engelsgestalten, was in ikonographischer Hinsicht eine gewisse Langeweile aufkommen läßt.

 

 

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