Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

IV. Topographie des Bauplatzes und Grundanlage des Hauses

 

Die Kante des Wasserfalls verläuft fast genau in West-Ost-Richtung. Der Bach beschreibt unmittelbar oberhalb von ihm eine Krümmung um ca. 60 Grad, kommt also nicht aus nördlicher, sondern aus nordöstlicher Richtung auf den Wasserfall zu. Nördlich des Wasserfalls und nordwestlich des oberen Bachverlaufs liegt die große, flach abfallende und ohne Absatz in das hier seichte Bachbett übergehende Felsplatte, auf der das Haus errichtet ist. Der Bauplatz wird im Südosten vom Bach, im Norden durch einen ebenfalls in West-Ost-Richtung verlaufenden, langgestreckten, mehrere Meter hohen Felsab- satz begrenzt, unterhalb von dem ein schmaler Weg entlangläuft. Dieser Weg war vor dem Bau des Hauses von dem erwähnten Schot- terfahrweg aus, der sich auf der anderen Seite des Baches befindet, durch eine Holzbrücke erschlossen, die wenige Meter oberhalb des Bauplatzes den Bach überspannte. Der Weg liegt etwa einen Meter höher als die Felsplatte und war gegen diese durch eine trockene Bruchsteinmauer abgestützt.

          Westlich des Wasserfalls verlängert sich dessen Kante, die einen deutlichen Höhenunterschied des Geländes markiert, in nordwestliche Richtung, bis zu dem beschriebenen Weg ansteigend. Der von dieser Kante markierte Abhang stellt die natürliche südwestliche und damit dritte Begrenzung des Bauplatzes dar. Die Topologie wird allerdings durch eine Reihe großer Felsbrocken noch etwas weiter kompliziert. Drei von diesen Brocken liegen entlang des südwestlichen Abhangs: zwei eher flache im Norden, noch oberhalb der Kante, einer im Süden unterhalb von ihr.

          Insgesamt ergibt sich für den Bauplatz eine Grundfläche etwa in der Form eines spitzen, annähernd gleichschenkligen Dreieckes. Seine Grundseite von etwa 22 Metern verläuft entlang des beschriebenen südwestlichen Abhangs, aber noch vor den im Norden auf ihm liegenden Felsbrocken. Die beiden langen Seiten von je etwa 34 Metern verlaufen im Süden vom westlichen Ende des Wasserfalles ausgehend entlang des Baches (in Wahrheit etwas konkav) und im Norden entlang der Stützmauer des Weges (der als Zufahrt für das Haus erhalten bleiben sollte) auf den Punkt zu, an dem die Holzbrücke ansetzt. Als tatsächlich verfügbare Fläche ergeben sich innerhalb dieses Dreiecks ca. 250 m². Genau in der Mitte der Grundseite des Dreieckes allerdings liegt noch ein vierter Felsbrocken, knapp sechs Meter lang und drei Meter hoch. Der Architekt hat ihn nicht einfach beseitigt. Wie sich zeigen wird, ist das Haus um ihn herum, ja zum guten Teil sogar auf ihn gebaut! In einem kühnen, geradezu abenteuerlichen Entwurf setzt Frank Lloyd Wright das Haus für Edgar J. Kaufmann also genau an die Stelle, wo dieser immer so gerne gesessen hat, um sich im Klang des Wasserfalles zu entspannen. Nach der Fertigstellung des Hauses konnte Edgar J. erneut auf seinem geliebten Felsen sitzen: diesmal nicht mehr nur bei Klang des Wasserfalls, sondern dazu im Anblick des Kaminfeuers!

          Im Kontrast zu der dreieckigen Grundfläche des Bauplatzes wählt Wright für den Grundriß des Hauses selbst ein Rechteckschema. Die Hauptausrichtung erfolgt nach Südosten, und zwar so, daß die Flanken des Gebäudes parallel sowohl zur südwestlichen Bauplatzbegrenzung des Abhangs als auch zum Verlauf der Holzbrücke über den Bach liegen. Die Hauptfassade des Hauses steht in einem Winkel von etwa 30 Grad sowohl zur Kante des Wasserfalls, als auch zum Weg unterhalb des Felsvorsprunges im Norden. Zum Rand des Baches oberhalb des Wasserfalls ist die Hauptfassade in etwa parallel.

          Das Chalet besteht aus drei Stockwerken, deren überdachte Fläche nach oben hin kontinuierlich und deutlich abnimmt, indem sie nach Norden und Westen, also in Richtung zum dominierenden nördlichen Felsabsatz, zurückspringt. Die Gestalt des Hauses ist also von den natürlichen Geländeformen inspiriert: es greift die Struktur der terrassenförmigen Felsformationen auf, wie sie das Wasser über Jahrmillionen in der Schlucht herausgebildet hat. Wright selbst beschreibt Fallingwater als "die Verlängerung des Felsens neben einem Bergbach". Dieser Eindruck des organischen Gewachsenseins seines Hauses aus dem Gelände, aus dem Felsgestein der Schlucht, wird durch zwei weitere zentrale Gestaltungselemente verstärkt. Zum einen sind die Außenwände einheitlich aus dem lokalen grauen Sandstein gemauert, und zwar, wie wir noch sehen werden, auf ausgesprochen rustikale Weise, und sie sind unverputzt belassen. Zum anderen ist das Gebäude, obwohl es nur rechtwinklige Ecken kennt, sehr verschachtelt angelegt; große, plane Außenflächen, wie sie auch in der umgebenden Natur nicht vorkommen, sind vermieden. Wright gelingt es, das strenge Rechteckschema des Grundrisses mit der natürlichen Regellosigkeit der Umgebung zu vermitteln: so ist zum Beispiel die Außenwand auf der Rückseite des Hauses, entlang des unterhalb des Felsvorsprungs entlangführenden Weges, durch eine achtfache Staffelung quasi in dessen diagonalen Verlauf überführt. Eine ähnliche Staffelung findet sich an der Südwestflanke des Hauses, wo höher gelegene Terrassen im Norden bis weit über einen der beiden großen Felsbrocken wuchern.

          Der Architekt hat sich aber noch weitergehender von der natürlichen Topologie leiten lassen. Nicht genug damit, daß er mit der Gesamtstruktur des Hauses die natürliche, terrassenförmig zum Bach hin abfallende Felsformation der Schlucht aufgegriffen hat. Ihm war auch der Überhang aufgefallen, den die Kante des Wasserfalls bildete und der dazu führte, daß sich die im Sommer Badenden geradezu hinter den Rücken des Wasserfalls begeben konnten. Was die Natur konnte, das konnte Frank Lloyd Wright auch! Und so beschloß er, auch die "Felsbänke" seines Hauses weit über ihr Fundament hinausragen zu lassen: mit Hilfe von Stahlbeton schuf er Terrassen, die sich von der Felsplatte des Bauplatzes aus bis weit über den Bach strecken, ja sogar bis über den Wasserfall und zum anderen Ufer des Baches, ohne sich dort abzustützen.

          Nirgendwo aber paßt sich das Haus bedingungslos den von der Umgebung vorgegebenen Formen an. Seine Gestalt ist nicht wie zufällig vom Schicksal der Naturkräfte hingeworfen. Die ordnende, gestaltende Hand des Architekten ist genauso allgegenwärtig wie die Einflüsse der natürlichen Umgebung. Das Haus hat sich von den natürlichen Formen inspirieren, aber nicht überwältigen lassen. Nicht nur im streng rechtwinkligen Grundriß, auch bei den Baumaterialien zeigt sich das symptomatisch: ein auch optisch deutlich hervortretendes Gegengewicht zum rustikalen Naturstein der Außenmauern bildet hier der glatt verputzte und einheitlich beige gestrichene Stahlbeton der langen, geradlinigen und das Gebäude auf drei Seiten umrahmenden Terrassen und ihrer Brüstungen. Modernität mit ihren stark abstrahie- renden, geometrischen Formen und ihren neuartigen, künstlichen Baumaterialien ist in diesem Gebäude auf untrennbare Weise mit der Natur verbunden, in sie verwoben, geradezu in ihr verwurzelt. Der Architekt hat Motive aus der Natur aufgegriffen, die Gesteinsformatio- nen etwa, wie sie durch Erosion entstanden sind, aber er hat diese Motive stark vereinfacht und auf das Wesentliche reduziert, bevor er sie in dem Bauwerk wiedergespiegelt oder sogar gesteigert hat.

 

 

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