Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Halle des

Alten Rathauses, Göttingen

Altes Rathaus Göttingen 10v12

Bild: License

IX. Die Wandgemälde im Großen Saal

 

Als Kernstück seiner Arbeiten am Alten Rathaus zu Göttingen zwischen 1883 und 1903 hat uns Hermann Schaper die Wandgemälde im Großen Saal hinterlassen. Sie sind – ganz im Gegensatz zu dem lauten preußisch-nationalistischen Geist seiner Zeit – in eher leisen Tönen ganz auf die Geschichte des Rathauses und seine vielfältigen Bezie- hung zu den Bürgern der Stadt bezogen.

          In den vorwiegend im Al-fresco-Stil direkt auf den Wänden ausgeführten Malereien (lediglich an der Nordwand der Halle sind sie auf Leinwand aufgetragen) hat Schaper vergangene Szenen des tägli- chen Lebens in farbenfrohen, lebendigen Figuren festgehalten, deren jede eine eingehende Betrachtung lohnt. Rechts neben der Tür zum Vorraum der Alten Dorntze, dort, wo die hölzerne Treppe vom Mittel- absatz aus weiter zum Obergeschoß führt, scheint eine Gestalt eben diese Treppe herunterzukommen, mit dem lächelnden, gesund und kräftig aussehenden, etwas in sich gekehrten, mit sich selbst und der Welt offenbar zufriedenen und im Einklang stehenden Gesicht eines Mannes, der eine Laute mit langem Hals und mandolinenförmigem Bauch lässig über die Schulter gelegt hat. Den Wanderstab in der anderen Hand kommt er beschwingten Schrittes die Stufen zum Saal herunter, so als wolle er hier, in dieser gastlichen Stadt einkehren. „Ubi bene, ibi patria“ (Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland), steht auf einem Spruchband, das den Vagabunden umflattert. Grüne und bläu- liche Farbtöne dominieren in seiner wie im Winde flatternden Kleidung, zu der eine gelbe, am Hüftgurt hängende Kürbisflasche ebenso gehört wie der am Brustgürtel befestigte Pelz für die Nacht und über dem wallenden schwarzen Haar eine karminrote Kopfbedeckung, auf der exotische Vogelfedern angebracht sind.

          Welcher Kontrast besteht zwischen ihm und jener Gestalt, die über der linken der beiden Türen in der Nordwand des Saales hockt! Dort, wo sich einstmals die Stadtkämmerei befunden hat, sitzt, mit krummem Rücken und übereinander verschränkten, dürren Beinen der Kämmerer auf einem kistenförmigen Hocker. Knitterigen Gesichts blät- tert er mit der einen Hand in einem dicken Buch, das vor ihm auf einem niedrigen Pult aufgeschlagen ist und in dem er fast mit seiner langen Nase verschwindet. Die andere Hand läßt er währenddessen nicht von dem Gelde, das auf dem Zählbrett liegt, oben auf seiner mit starken Eisenbeschlägen gesicherten Kasse. Mit bis zum Bersten angestreng- ter Mine vergleicht er und rechnet nach, seine Feder steckt noch untä- tig über dem Ohr. Den Kneifer im dämmrigen Lichte weit nach vorn geschoben gibt uns die alte, in einen schäbigen braunen Kittel gehüllte Figur einen mehr als anschaulichen Eindruck chronisch leerer städti- scher Kassen.

          Aber auch der Steuerzahler, der beim Kämmerer erschienen ist und um dessen Steuerschuld es in dieser Szene offenkundig geht, steht diesem an ausdrucksvoll zur Schau gestellter finanzieller Sorge, ja ge- radezu Armut um nichts nach. Wenn auch seine Figur einen satten Eindruck macht, so spricht doch die für diesen Besuch ausgewählte Kleidung und Miene eine ganz andere Sprache. Erscheint die ärmellose Manteljacke des Herzitierten als reichlich zu groß, so ist die unter ihr angelegte, vor der fetten Brust zierlich zusammengebundene Weste da- für zu klein, und unter ihr quillt ein weißes, gardinenartiges Tuch hervor. Den Schurz hat der Steuerbürger nicht abgenommen, so als wolle er andeuten, daß er dringend wieder an die Arbeit müsse und diesen Aufenthalt hier als üble, ihn noch ruinierende Zeitverschwendung empfinde. Verlegen vor dem Kämmerer stehend, kratzt er sich ange- strengt am kahlen Kopfe, so als suche er nach den letzten verbliebenen Haaren, wie er im Geiste nach verzweifelten Möglichkeiten sucht, den Rest seiner Steuern doch noch begleichen zu können. „Kinder bringet juwe tinse, bolde, bolde!“ (Kinder, bringt eure Zinsen, schnell, schnell!) mahnt das graue Spruchband über dem Kämmerer eindringlich – und das, obwohl, versteckt hinter dem Rücken des Kämmerers, zwei pralle Geldsäckel stehen.

          Auf dem Wandstück zwischen der Tür zum Vorraum der Dorntze und der Fürstenloge in der Mitte des Saales sind nebeneinander vier Figuren dargestellt, die sich, ähnlich wie in der Glasmalerei des Nord- fensters der Dorntze, unschwer als allegorische Figuren, hier als Perso- nifikationen der Stände zu erkennen geben. Ganz links der Patrizier, die stattlichste aller vier Figuren, mit langem, weißem Bart, kahler Stirn und in einen schweren, ärmellosen Umhang aus goldbesticktem Brokat gehüllt, die goldene Amtskette liegt um seinen Hals. Sein gehstocklan- ges Zepter hält der Würdenträger mit der rechten Hand verkehrt herum, drückt den Knauf auf den Rasenboden. Mit dem linken Zeigefinger weist er, in mahnendem, aber etwas unbestimmtem Gestus, nach rechts, zu den anderen Figuren hin, blickt aber selbst links am Betrach- ter vorbei in die Ferne. Das Spruchband neben ihm trägt seltsamerwei- se keine Aufschrift.

          Auf der anderen Seite der Gruppe, ganz rechts: der Bauer. Er hält die Sense in der Hand, die Klinge auf den Boden gestellt, wie um sich einen Moment auszuruhen. Ruhig und aufrecht steht er, nicht dem Betrachter, sondern den drei anderen Figuren links von ihm zugewandt. Demut strahlt der Mann mit dem grünen Filzhut, dem von der Sonne geröteten Gesicht und den hochgekrempelten Ärmeln und Hosenbeinen aus. „Ob wenig oder viel, so Gott will“, steht auf seinem Spruchband.

          Durch ihren jeweils nach innen gerichteten Gestus rahmen der Patrizier und der Bauer die beiden anderen Figuren ein. Neben dem Bauern strahlt ein krausbärtiger, reifer Mann vor innerer Freude. Einen prunkvollen Kelch hat der Goldschmied soeben fertiggestellt, hält ihn mit der Linken vor sich in die Höhe, ganz in seine Betrachtung ver- sunken. In der Rechten, mit ausladendem Gestus noch das Tuch, mit dem er den Pokal poliert hat. Die Lederschürze hat er noch umgebun- den, und an seinem Gürtel stecken Zirkel und Winkeleisen. „Glück herein! Gott segne ein ehrbar Handwerk“, verkündet das ihm zugeord- nete Spruchband.

          „Ars longa, vita brevis“ (langwährend die Kunst, kurz das Leben), über diese Weisheit scheint die letzte der vier Gestalten nachzusinnen, wie der Goldschmied ganz in die Betrachtung versunken und dadurch scheinbar ohne Bezug zu den übrigen Figuren. Der ganz in schwarz, in eine Art Mönchskutte gekleidete Gelehrte hält einen Totenschädel mit beiden Händen.

           Doch wenn die beiden inneren Figuren sich auch ganz den Gegenständen ihrer jeweiligen Betrachtung zuwenden, so hat es Scha- per doch nicht versäumt, sie zu den anderen in Beziehung zu setzen. Der offensichtlich stark kirchlich geprägte Gelehrte steht nach rechts gewandt, zeigt dem Betrachter das Profil. Dadurch kommuniziert er vom Bildaufbau her mit dem sich nach links wendenden, im Gegensatz zum Gelehrten allerdings offen blickenden Bauern. Der auslandende Gestus des rechten Arms des Goldschmieds hingegen, in dem er das Poliertuch hält, korrespondiert mit dem ausgestreckten linken Arm des Patriziers. So entstehen zwei formale Beziehungen, die die Figuren des Ensembles paarweise verschränken. Abgerundet wird die Bildstruktur durch die Entsprechung des umgekehrt stehenden, leicht nach rechts geneigten Zepters des Patriziers mit der ebenfalls auf dem Boden stehenden, jetzt aber leicht nach links geneigten Sense des Bauern. Beide hölzernen Stangen betonen einerseits den Boden, auf dem sie ruhen, weisen aber auch nach oben, wo sie sich in einem Punkt kreuzen könnten, der genau über der Figurengruppe liegt.

          Die dargestellten Figuren befinden sich alle auf einem schmalen, mit Gras, jungen Bäumchen und Phantasiepflanzen bewachsenen Streifen, dicht vor einer gemalten Wand aus beigen Steinquadern als Hintergrund. Der aufgespannte Raum hat fast keine Tiefe und so stellt er die Figuren wie auf eine Theaterbühne. Alles konzentriert sich also auf die Figuren selbst, auf ihre Kleidung, ihre Attribute, ihren Gestus, ihr Minenspiel und natürlich ihre Beziehungen untereinander. So auch bei den drei Figurenpaaren, die sich allesamt auf die mittlere der drei Türen in der Westwand des alten Rathauses zubewegen, die anfangs zur Ratsküche führte, später aber, wie wir noch immer über der Tür ge- schrieben sehen, zum Standesamt. „Anfang u. end in allen sachen muß man mit Gott dem Herrn machen“, besagt die Inschrift. Da ist das junge Paar, in festliches Rosa und Rot gekleidet, das bedächtig und ernst herangeschritten kommt, die Braut im weißen Schleier und der Bräutigam mit den Ringen in der Hand. Ein letztes Mal schauen sie sich prüfend an, noch einmal bestätigen sie sich gegenseitig das Einver- nehmen. Von der anderen Seite aber kommt im schnellen Schritt ein anderes Paar, diesmal, um die Geburt eines Kindes anzuzeigen. Hinter ihnen eine junge, hübsche Frau im schwarzen Schleier, mit einem Tuch in der einen Hand und einem Kind an der anderen. Sie hat es nicht eilig, blickt nicht munter nach vorn wie das vorige Paar oder das Kind an ihrer Hand, das noch nicht verstanden hat: der Vater wird nicht wiederkommen.

          „Alltid vörup!“ (Allzeit voran!) ruft das Spruchband neben einem Landsknecht, der ganz am linken Ende der Westwand des Saals wie zum Abmarsch bereit steht, grimmig dreinblickend über seinem rot- blonden Walroßschnäuzer, mit gezogenem Schwert, zum Schlag aus- holendem Arm und einer großen gelbleuchtenden Fahne über der Schulter.

          Auf der rechten Seite der Tür zur Neuen Dorntze, hängt, in einer kleinen, etwas oberhalb in die Wand eingelassenen, noch aus dem Mittelalter stammenden Nische die Gerichtsglocke. Und hier zeigt Schaper eine Szene, in der vor einem Mann in schwarzer Robe und mit schwarzer Mütze, auf einem Stuhl mit hoher Lehne sitzend und ange- strengt nachdenkend, zwei andere Männer stehen, die Kopfbedeckun- gen verlegen in den Händen drehend; in ihrer Anspannung und ihrer Fi- xierung auf den Richter sind sie dem Betrachter nicht schwer als Kläger und Beklagter zu erkennen. „Dat recht to sterken unde dat unrecht to krenken“, mahnt das sich über dem Richterstuhl wölbende Spruchband.

 

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Halle des

Alten Rathauses, Göttingen

Altes Rathaus Göttingen 10av12

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