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                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Altes Rathaus, Göttingen

V. Die Laube von außen

 

Altes Rathaus Göttingen 6v25

Bild: © Roland Salz 2014

Wie viele menschliche Gesichter gibt es – selbst unter Schauspielern, Fernsehmoderatoren, Politikern, etc. –, die gerade durch ihre unsym- metrischen Elemente, ihre vermeintliche „Schiefheit“ auffallen, be- stechen und in Erinnerung bleiben. So auch bei manchen Gebäuden. Das Ungeglättete, „Unstimmige“ kann oft gerade Individualität und ein „Markenzeichen“ bedeuten.

          Die so hervorstechende Laube am südlichen Bauteil des Alten Rathauses ist es, in der der Eindruck der Asymmetrie und Unausgewo- genheit des Alten Göttinger Rathauses kulminiert: wenn ihr auch Ansät- ze von strukturierender Vereinheitlichung nicht völlig fehlen, so scheint sie doch im Kleinen alle nur erdenklichen Arten von Ungleichheit und Disproportion zu vereinen, die das Gesamtgebäude im Großen durch die beiden unterschiedlichen Bauteile und seinen Gesamtcharakter des Nicht-Fertiggestellten vermittelt.

          Das fängt damit an, daß die um etwa 1400 entstandene Laube vor dem eingeschossigen Fassadenabschnitt des südlichen Rathauses zwischen Rampe und Dachtraufe einen zweigeschossigen Aufbau zeigt. Oberhalb des von den Arkaden eingefaßten offenen Vorraums für das Südportal und unterhalb des Daches mit dem Zwerchgiebel lassen Fenster in der Laube auf die Existenz eines kleinen, erkerhaft exponierten Raumes schließen, der sich auf derselben Höhe befindet, wie das viel später geschaffene – und vielleicht von diesem Lau- benobergeschoß inspirierte – Zwischengeschoß im Südostteil des Alten Rathauses. Und tatsächlich führt, wie wir nun interessiert erkunden, vom Großen Saal ein kleines, unscheinbares Türchen, direkt neben dem Südportal gelegen, auf eine schmale Spindeltreppe, durch die der Raum über der Laube erreicht wird, nicht jedoch ohne dem Befugten – oder aber dem neugierigen Entdecker – Gelegenheit zu geben, von einer kleinen, offenen Brüstung oberhalb des in die Wand versenkten Treppenturms aus noch einmal in den Saal hinunterzuschauen, bevor er – ob nun rechtmäßig oder heimlich – den Laubenerker betritt. Nicht nur den städtischen Ordnungshütern, die dies schon seit langem ent- deckt zu haben scheinen, gewährt er, besonders im Falle von dort unten betriebenen Demonstrationen, Kundgebungen oder sonstigen linken oder autonomen Unwesen, einen guten und – unter Verwendung entsprechender technischer Hilfsmittel – beweiskräftigen, vor allem aber unauffälligen Überblick über den ganzen Göttinger Marktplatz.

          Die Zweigeschossigkeit der Laube führt gerade hier, vor dem Haupteingang des Rathauses, zu einer auffälligen Verkleinerung der Bauformen – die Laubenbögen sind niedriger als das Nordportal, die Fenster im Laubenobergeschoß wesentlich kleiner als alle übrigen Fenster der Marktfassade – aber auch zu ihrer deutlichen Vervielfälti- gung und Diversifizierung.

          Die architektonische Aufmerksamkeit, die diesem Teil des Gebäudes geschenkt wurde, das über das Zierende hinaus wichtige funktionale Bedeutung hatte (z.B. Gericht), ist im übrigen an den drei Strebepfeilern zu erkennen, die die Laube zum Markt hin an den Ecken und in der Mitte abstützen. Sie sind auf den Vorderseiten mit Was- serschlägen und Blendmaßwerk geschmückt, am oberen Abschluß mit krabbenbesetzten Dreiecksgiebeln (links und Mitte) bzw. einem Esels- rückenbogen (rechts) und Kreuzblumen.

          Entsprechend dem Verhältnis der Breiten der von der Laube überdeckten beiden Bereich, dem etwas schmaleren des südlichen Portals einerseits und dem rechts von ihm gelegenen, etwas breiteren der südlichen Gerichtsnische andererseits, steht der mittlere Strebe- pfeiler nicht genau in der Laubenmitte, sondern etwas nach links ver- setzt. Die Asymmetrie des Anblicks verstärkt sich noch dadurch, daß das linke, schmalere Fassadenjoch von einem einzelnen breiten Rund- bogen aufgebrochen wird, das rechte jedoch von zwei nebeneinander- stehenden Spitzbögen, die dieses Joch der Laubenfassade nicht nur  in zwei Arkadenjoche zerlegen, sondern – da die beiden Spitzbögen auch noch unterschiedliche Spannweiten aufweisen – in zwei Arkadenjoche unterschiedlicher Länge.

          Zumindest haben aber alle drei Bögen die gleiche Scheitelhöhe, auch mit den beiden weiteren Spitzbögen an den Stirnseiten der Laube, zum Treppenaufgang hin sowie zur Verlängerung der offenen Rampe nach Norden. Ganz schwer zu kämpfen hat das symmetrieliebende Gemüt dann aber mit den zwei kleinen Rechteckfenstern über den drei Arkadenbögen, dem breiteren Fenster im schmalen Fassadenjoch, über dem Rundbogen, und dem schmaleren Fenster im breiteren Fas- sadenjoch, genau in dessen Mitte, und damit irgendwo zwischen den beiden darunterliegenden Arkadenbögen unterschiedlicher Breite an- gesiedelt. Der laubenzentrierte, und damit wiederum aus der Achse des mittleren Strebepfeilers verschobene Zwerchgiebel des Daches mit dem ganz kleinen, rechteckigen Fensterchen setzt der Schiefheit der Laube die Krone auf.

 

 

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