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                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Altes Rathaus, Göttingen

Altes Rathaus Göttingen 4v25

Bild: © Roland Salz 2014

III. Der räumliche Baukörper, Teil 2: nördlicher Bauteil

 

Im Gegensatz zum südlichen weist der nördliche, zweigeschossige Gebäudeteil eine wesentlich einfachere und klarere Gesamtstruktur auf. Es ist nicht bekannt, wie weit sich das Gebäude von 1270 nach Norden erstreckt hatte. Auf jeden Fall wurde der nördliche Teil hundert Jahre später, gegen 1370, nach Westen hin erweitert und dabei grundlegend umgebaut und aufgestockt. In seiner Anlage zeigt er, wie man zu dieser Zeit offensichtlich den gesamten Baukörper hatte umgestalten wollen. Eine solche, das Gesamtgebäude vereinheitlichende Neugestaltung auch des südöstlichen Gebäudeteils aber wurde nie verwirklicht; im Mittelalter rief der Ausbau der Stadtbefestigung immer wieder nach größerer Dringlichkeit, und auch ein gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal eingebrachter, jetzt neogotischer Vorschlag von Hermann Schaper, auf den, wie wir noch sehen werden, die zu dieser Zeit erfolgte Neuausstattung der Innenräume des Alten Rathauses zurückgeht, wurde nicht ausgeführt – eine schöne Zeichnung seines Vorschlags aber ist erhalten.

          Dem hohen Erdgeschoß mit der Halle (die sich auf der Ostseite des Rathauses durch beide, den älteren südlichen und den neueren nördlichen Teil zieht) ist im nördlichen Bauteil über dem Gurtgesims ein etwas flacheres, schlichtes, keinerlei Balkone aufweisendes Oberge- schoß aufgesetzt, mit Achsanbindung an das Erdgeschoß. Oberhalb des Kranzgesimses ist dieses Geschoß auf allen drei Seiten (Osten, Norden, Westen) mit einem breiten, burgartigen Zinnenkranz besetzt, mit runden, vorkragenden und ebenfalls mit Zinnen versehenen Türm- chen an den beiden Nordecken. Die Ecktürmchen sind über Konsolen errichtet, die in Höhe des Gurtgesimses ansetzen und aus einem Sy- stem von übereinandergelegten, konzentrischen Scheiben mit wach- senden Durchmessern zu bestehen scheinen. Auf der Höhe des Kranzgesimses, das auch um die runden Ecktürmchen herumgeführt ist, ragt aus jedem von diesen ein Wasserspeier hervor, als eine gro- teske Figur, die eine riesige Wasserrinne auf dem Rücken zu tragen scheint (Nordwestecke), bzw. das Wasser aus dem aufgesperrten, furchterregenden Maul freigibt (Nordostecke).

          Überdeckt wird auch dieser Gebäudeteil von einem steilen, ebenfalls traufseitig zum Marktplatz gestellten Satteldach, das nach Norden vollständig abgewalmt ist. Die Firstlinie verläuft genau in der Flucht derjenigen des alten, vorderen Satteldaches des Südteils, aber natürlich deutlich höher. Zur Rückseite des Gebäudes hin verdeckt der Zinnenkranz eine Konstruktion aus drei parallelen Satteldächern, die quer zum Hauptdach stehen (Querdächer), niedriger als dieses und nach Westen abgewalmt sind. Sie wurden im Zuge der Gebäudeerwei- terung nach Westen an das bestehende Dach angefügt. Nach Süden hin überragt der einfache Fachwerkgiebel des nördlichen Hauptdaches die Dachkonstruktion des südlichen Gebäudeteils.

          Genau in der Mitte des Gesamtbaukörpers wird das Hauptdach des (wie wir gesehen hatten längeren) Nordteil von einem mit Schiefer- schindeln bedeckten und verkleideten Dachreiter über sechseckigem Querschnitt bekrönt, mit Uhr zum Marktplatz hin im unteren Abschnitt, einem darüberliegenden, als Balkenkonstruktion offenen Glockenraum und schließlich einem sechseckigen Pyramidenhelm, der flach ansetzt, dann aber sogleich konkav nach oben knickt, wo er in geraden Linie spitz zusammenläuft. Den Abschluß bildet eine kunstvoll geschmiede- te Wetterfahne, die, wenn sie auch bei weitem nicht so weit hinauf- reicht, doch dieselbe Richtung einschlägt wie die beiden Wetterfahnen auf den ungleichen Türmen der Johanniskirche im Hintergrund.

 

 

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