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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Altes Rathaus, Göttingen

Altes Rathaus Göttingen 2v17

Bild: © Roland Salz 2014

I. Umgebung: Die Lage am Marktplatz

 

Der Marktplatz der Göttinger Altstadt hat die Form eines Rechtecks, dessen Längsachse genau in Nord-Süd-Richtung verläuft. Während der Platz auf drei Seiten von Bürgerhäusern umsäumt ist, die vornehmlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen, wird die gesamte östliche Längsseite vom Alten Rathaus eingenommen.

          Als innerstädtischer Verkehrsknotenpunkt ist der Marktplatz an allen vier Ecken geöffnet. Auf der westlichen, also der dem Rathaus gegenüberliegenden Längsseite führt eine der beiden Hauptverkehrs- achsen der Altstadt, die Weender Straße, über den Platz. Heute tut sie es allerdings nicht mehr als die alte Handelsstraße, die das nördlich gelegene Sachsen mit dem südlich gelegenen Hessen verband, und die sich hier, in Göttingen, nahe einer Furt über die Leine, mit einer anderen wichtigen, in West-Ost-Richtung verlaufenden Handelsstraße kreuzte, sondern als Fußgängerzone, wenn auch als nach wie vor und zu jeder Tageszeit stark belebte. Und obwohl der Platz selbst – abgesehen von ein paar gelegentlichen Blumenständen – seine früher so bedeutsame Marktfunktion, die im Mittelalter den Wohlstand der Stadt begründete, weitgehend verloren hat, ist er, rings um den Brunnen mit dem liebenswerten Gänseliesel, dem Wahrzeichen der Stadt, trotzdem noch immer von Bewegung erfüllt: ameisenhaft umher- hastende, mit ihren Tüten überall anstoßende Einkäufer, hektisch und geistesabwesend fahrradfahrende Studenten und die kleineren oder größeren, wie im Sitzstreik gegen die sinnlose Betriebsamkeit kreis- förmig zusammenhockenden Gruppen von schrillgefärbten Punks, die ihre vorübergehende Stube an einem beliebigen Punkt auf dem Boden des Marktplatzes mit einem immer dichter werdenden Ring aus Flaschen und leeren Bierdosen abstecken, all sie zeigen, daß hier auch heute noch das Herz der Stadt schlägt.

          Nach Osten führen von den Ecken des Platzes die Rote Straße und die Barfüßerstraße weg, erstere zur Albanikirche, letztere zur Aula der Universität, zu dem Ort also, wo einstmals das Franziskanerkloster stand; und auch links und rechts des Alten Rathauses öffnet sich der Marktplatz: zwei Sträßchen, die Johannisstraße und die Paulinerstraße, verlassen ihn hier in westliche Richtung, zur Johanniskirche und zur früheren Paulinerkirche des Dominikanerklosters hin. Die Groner Straße, zweite Hauptverkehrsachse der Altstadt und ehemalige Ost-West-Handelsstraße vom Harz zur Weser führend, kreuzt die Weender Straße nicht direkt am Marktplatz, sondern einen Häuserblock weiter südlich. Und dieser Häuserblock zwischen Groner Straße und heutigem Marktplatz ist einer der geschichtsträchtigsten der Göttinger Altstadt. In diesem Areal befand sich nämlich, das haben archäologische Funde ergeben, der ursprüngliche, erste Marktplatz, der sog. Circulus, der Kern der Marktsiedlung und damit der heutigen Stadt. Der Sitz des Marktvogtes und auch der vermutete Vorgängerbau des Alten Rathauses dürften am Rande dieses früheren Marktplatzes gelegen haben.

          Göttingen wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben weitgehend verschont. So hat sich in der Altstadt ein reicher Bestand an Fachwerk- häusern erhalten, in den sich allerdings – im Zuge einer natürlichen Selbsterneuerung – überall auch Gebäude neueren Stils zwischen- gefügt haben. Auch der Marktplatz zeigt dieses für das Stadtbild Göt- tingens typische Nebeneinander von Häusern mit Sichtfachwerk, ver- putzten Fachwerkhäusern und nicht mehr im Fachwerkstil errichteten Bauten aus den letzten beiden Jahrhunderten, die sich aber zumeist von der Größe und Gesamtanlage her gut in das hergebrachte Straßenbild einfügen. Ausnahmslos stehen diese alten Bürgerhäuser, die – aufgrund des begrenzten Platzes im Altstadtkreis oft recht schmal – in Breite, Höhe und Geschoßzahl variieren, mit der Traufseite ihrer steilen Dächer zur Straße, d.h. hier zum Marktplatz. Das älteste Fachwerkhaus am Platz wurde etwa 1520 errichtet und beherbergt seit 1558, dem Datum, an dem es vom Rat der Stadt erworben wurde, die Ratsapotheke, die dank ihres Privilegs fast 200 Jahre lang die einzige Apotheke in Göttingen blieb.

          Das Alte Rathaus aber hebt sich von den umstehenden Bürger- häusern auffällig ab: nicht nur durch sein Material, die Roheit und Massigkeit des unverputzten Kalkbruchsteins, sondern vor allem durch seine wuchtigen Dimensionen. Sie kommen um so mehr zur Geltung kommen, als die Fassade des Rathauses nur sparsam ausgeschmückt ist, was einen abweisenden, beinahe wehrhaften Eindruck vermittelt. In der Nachbarschaft kann nur die Marktkirche St.Johannis, abgesehen von der noch älteren ehemaligen Paulinerkirche größte Kirche der Stadt, in Baumaterial, Dimension und Wehrhaftigkeit mit dem Alten Rathaus mithalten. Tatsächlich übertrifft sie das Alte Rathaus noch um ein Mehrfaches an Gewaltigkeit, an steinerner Masse und Höhe; aber das in seinen Anfängen so bescheidene cophus, d.h. Kaufhaus, Sitz also nicht nur des Stadtrates, sondern auch der einflußreichen Kauf- mannsgilde, aus deren Reihen sich die Patrizier vorwiegend rekrutier- ten, hat sich doch, zielstrebig und mit Geschick, auch optisch zum wichtigsten Gebäude der Stadt gemacht. Es ist ihm gelungen, selbst die monströse Johanniskirche, deren zwei unterschiedliche Türme sich schwerfällig über dem Rathausdach aufrecken, ins Abseits zu schie- ben. Denn die Schauseite der Marktkirche zeigt irgendwo hinter dem Rathaus auf einen kleinen, unbedeutenden Seitenplatz; der Sitz der Kaufleute und des Rates aber hat sich mit dem Marktplatz für alle Zeiten den besten Vorplatz verschafft, die seiner tatsächlichen Bedeu- tung entsprechende Aufmerksamkeit, das größte „An-sehen“.

 

 

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Weender Straße mit Jacobikirche

Altes Rathaus Göttingen 2av25

Bild: © Roland Salz 2014

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