Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                                      Meditationen über Architektur

VIII. Der Ratssaal: Die Alte Dorntze

 

Entlang des nördlichen Teils der Westwand des Großen Saals und nach Norden gerichtet führt die hölzerne Haupttreppe zum Oberge- schoß des Alten Rathauses. Aber die Treppe hat noch eine andere, zwischengeschaltete Funktion. Sie ist (gleichgerichtet) zweiläufig, d.h. hat einen Absatz, und dieser liegt auf dem Bodenniveau des höheren Westteils des Erdgeschosses. Von diesem Absatz aus führt eine schwere, mittelalterliche, in einen spitzbogigen steinernen Rahmen ge- stellte Tür zum Vorraum der Alten Dorntze. Das Portalgewände ist wie die Außenportale des Saals profiliert, hier mit Rundstäben und Rund- kehlen, die ohne Basis aus einem nach vorn und unten abgeschrägten Sockel entspringen und sich ohne eine zwischengeschaltete Kapitell- zone im Bogenbereich zu Archivolten krümmen. Die Profilteile sind rötlichbraun und preußischblau gefaßt. Außen, auf der Saalwand, ist das Portalgewände noch von einem breiten, ebenfalls spitzbogig ge- formten Spruchband umrahmt, dessen gotisierende Lettern von links unten nach oben und von rechts oben nach unten gelesen den Satz ergeben: „Went eyn recht stat maket nich kalk noch stein sonder: multorum civium unitas dat is eyndracheit“ (Denn eine rechte Stadt machen nicht Kalk und Stein, sondern: multorum civium unitas, das heißt Eintracht); einen Satz also, den sich die Ratsherren zu Herzen nehmen sollten, wenn sie diese Tür auf dem Weg zu ihrem Tagungsr- aum passierten.

          „Großes Sitzungszimmer“ steht denn auch gut sichtbar auf einer Tafel an der Tür, die aus vier nebeneinander angeordneten, hochge- stellten Bohlen von jeweils unterschiedlicher Breite angefertigt ist. Sie werden auf beiden Seiten der Tür von je drei waagrechten Eisenbän- dern zusammengehalten, die mit Eisennägeln im Holz verankert sind. In einem schuhkartongroßen, schmiedeeisernen Kasten auf der Rück- seite der Tür befindet sich das Schloß, zu dem ein Eisenschlüssel von der Länge und dem Gewicht einer mittleren Wasserrohrzange paßt.

          War die Halle des Alten Rathauses der Raum für die großen festlichen Veranstaltungen, so wurden in der Alten Dorntze die Ent- scheidungen getroffen, die die Geschicke der Stadt bestimmen sollten. In der großen Ausbauphase von 1370 wurde dieser verhältnismäßig kleine Raum an der Nordwestecke des Rathauses speziell als Rats- zimmer geschaffen. Hier mußten die Ratsherren naturgemäß oft stun- denlang sitzen, und damit dies erträglich wurde, schuf man sich sogar eine Heizung. Der Name „Dorntze“ rührt daher, denn er bedeutet „heiz- barer Raum“. Die mittelalterliche Heizanlage ist bis heute erhalten, als eine der wenigen ihrer Art. In den Boden des Ratszimmers sind in der Mitte hintereinander sechs breite Sandsteinplatten eingelassen, und in jeder von ihnen befinden sich zwei gegenüberliegende kleine Öffnun- gen, die sich mit runden Gußdeckeln aus Messing verschließen lassen. Jede dieser Öffnungen befand sich unter dem Sessel eines der Rats- herren, und jeder Ratsherr konnte seinen Sitz durch Abnehmen oder Wiederaufsetzen des entsprechenden Deckels individuell beheizen. Unter der Alten Dorntze, im hier zweigeschossigen Keller, befand sich ein Ofen, der aus wärmespeichernden Steinen gebaut war. Er wurde einige Stunden vor der Ratssitzung eingeheizt und anschließend voll- ständig von der Asche gesäubert. Erst danach konnten die Deckel ab- genommen werden, um die heiße Luft nach oben austreten zu lassen, ohne daß für den Stadtrat Vergiftungsgefahr bestand.

          Wenn die Alte Dorntze aus Gründen der Zweckmäßigkeit auch eher klein ist, so ist sie doch der am stärksten architektonisch durchge- staltete Raum. Als einziger Innenraum des Alten Rathauses verfügt sie über ein Gewölbe. Ihre rechteckige Grundfläche ist durch ein flaches Kreuzrippengewölbe in zwei leicht querrechteckige Joche unterteilt. Vom Vorraum aus betritt man die Alte Dorntze durch eine fast mittig in der südlichen Stirnseite gelegene Tür. Während der Raum auf der Westseite von zwei dreibahnigen Rechteckfenstern belichtet wird, die etwa denjenigen auf der Marktfassade entsprechen, öffnet sich auf der Nordseite der Alten Dorntze, gegenüber der Tür, ein großes, durch steinerne Pfosten in fünf senkrechte Bahnen unterteiltes Spitzbogen- fenster, im Mittelalter das größte Fenster des Gebäudes.

          Für die Alte Dorntze wollte man sich auch nicht mit der nie- drigeren Geschoßhöhe des westlichen Gebäudeteils des Alten Rat- hauses begnügen. Der Boden des darüberliegenden Obergeschosses wurde hier – um Platz für das spitzbogige Gewölbe zu schaffen – so weit angehoben, daß die über der Dorntze liegenden Fenster in ihrem unteren Drittel vermauert werden mußten, wie man von außen sieht.

          Die Gewölberippen setzen in den Ecken des Raumes etwa auf Kopfhöhe über runden Diensten an, in der Mitte, an den Längswänden dagegen über Konsolen, die in etwa 1,20 Meter Höhe angebracht, skulptiert und heute in metallisch glänzenden Farben gefaßt sind. Wäh- rend die Konsole auf der Ostseite des Raumes von einer bekrönten Meerjungfrau getragen wird, stellt die Konsole auf der Fensterseite einen mythischen Vogel dar, der, den Kopf nach hinten gedreht, eine große rote Zunge seinem goldfarbenen Gefieder entgegenstreckt. Die Gewölberippen, Gurt- und Schildbögen haben ein Kehlstabprofil. Die Rippen laufen an den Gewölbescheitelpunkten in zwei runden, vertief- ten Schlußsteinen zusammen, an denen schmiedeeiserne Leuchter hängen.

          Das gesamte Gewölbe, also die Kappen, Bögen, Rippen und Schlußsteine sind farbig gefaßt. Die kleinteilige, historisierende Bema- lung geht allerdings nicht auf das Mittelalter zurück, sondern wiederum auf das Ende des 19.Jahrhunderts und Hermann Schaper, der auch – wie im Großen Saal – die Wandvertäfelungen schuf. Die Gewölbe- kappen sind mit den Wappen alter Göttinger Ratsfamilien verziert. Zwi- schen ihnen recken sich blühende Bäumchen von den Scheitelpunkten der Gurt- und Schildbögen nach innen zu den Schlußsteinen.

          Rings um die schweren Ofenplatten ist der Boden der Alten Dorntze mit schlichten Platten aus rotem Sandstein ausgelegt. Die Holzvertäfelung rings um den Raum, die etwa dieselbe Höhe wie im Großen Saal erreicht, ist am oberen Rand mit einem Fries aus ge- schnitztem, gotisierendem Blendmaßwerk ornamentiert und goldfarben gefaßt, die Zwischenräume im Wechsel rot und schwarz. In größeren Flächen findet sich dieses selbe Blendmaßwerk aus komplizierten Schneuß-Formen auch auf der Innenseite der Tür und auf Schrank- türen, die sich in der Vertäfelung zu Stau- und Geheimfächern öffnen. Die Wandflächen zwischen Vertäfelung und Gewölbe sind lediglich grau verputzt. In ihnen öffnen sich die tiefen, glatten, mit Steinplatten bedeckten Gewände der Fensternischen, auf der Westseite von Seg- mentbögen überfangen.

          Der Spitzbogen des großen Nordfensters reicht bis knapp unter den Scheitelpunkt des darüberliegenden Schildbogens. Und im Gegen- satz zu den Westfenstern ist das Nordfenster auf seiner gesamten Fläche von Glasmalereien ausgefüllt – wiederum ein Werk Hermann Schapers. „Des Pfluges, Handwerks, Handels Kraft – sie trägt auch Kunst und Wissenschaft“, lesen wir auf einem Spruchband, dessen erste Hälfte den linken und dessen zweite Hälfte den rechten äußeren sichtbaren Pfeiler eines achteckigen Baldachins umflattert, der – vor blauviolettem Hintergrund – einen zentralen Springbrunnen überwölbt. Offensichtlich versinnbildlicht dieser das (hier: städtische) Leben. Und so sehen wir auf der linken unteren Seite des Fensters drei Gestalten: auf einem gefliesten Boden sitzt, mit dem Rücken gegen einen Pflug gelehnt und das Gesicht vom Betrachter abgewandt, eine Frau; ihr gegenüber hält ein Mann, der etwas erhöht, auf dem Brunnensockel sitzt, sich außerdem durch Schmuckstücke an Handgelenk und Kopf abhebt, einen Meißel, blickt aber ebenfalls nicht zum Betrachter, son- dern wie die Frau zur unteren Bildmitte; und hinter, oder besser gesagt über den beiden schließlich steht ein Jüngling, der eine Krone und einen kostbaren Mantel trägt, in der linken Hand einen Sack voll Gold und in der rechten einen Stab, um den sich zwei Schlangen winden. Auch diese allegorische Figur blickt dorthin, wo in Fenstermitte unter- halb des Brunnens, nahe dem ausgestreckten Fuß der Bäuerin, Was- ser aus dem offenen Maul eines fratzenhaften Gesichts quillt.

          Auf der rechten Fensterseite erkennen wir ebenfalls drei Figuren: ein Mann, stehend, aber vom Baldachinpfeiler zum Teil verdeckt, hält das plastische Modell einer Kirche in der Linken und zeigt mit der Rechten, genauer: mit einem in der Rechten gehaltenen Stift, auf die untere der beiden Brunnenschalen, wo zwei weiße Tauben baden; rechts von ihm, weiter im Bildvordergrund, aber trotzdem mit etwas niedrigerer Kopfhöhe steht, mit dem Rücken zum Betrachter, eine Frau mit Lorbeerkranz, die eine Harfe vor sich in die Höhe hält; und vor bzw. unter den beiden sitzt auf dem Brunnensockel eine weitere weibliche Figur mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien und weist mit der Rechten vage in Richtung zur Quelle, während ihr etwas ungegenwärtig erscheinender Blick sich irgendwo in der Bildmitte verliert.

          Der Brunnen und der ihn überwölbende Baldachin zeigen die Merkmale eines Architekturstils, der aus Elementen verschiedener hi- storischer Epochen phantasievoll zusammenkomponiert ist, nicht zu- letzt natürlich der Gotik.

          Wie wir gesehen haben, befindet sich auf der anderen Seite des kleinen Vorraums zur Alten Dorntze die Ratsküche. Ihre Nachbarschaft zum Versammlungsraum des Stadtrates hatte aber nicht nur den Vor- teil, daß für das leibliche Wohl der Stadträte immer auf das Beste, weil aus nächster Nähe gesorgt werden konnte. Die Ratsküche wurde im Mittelalter auch in das politische Geschehen selbst miteinbezogen: hier fanden, oft zeitgleich zur Ratstagung, die Verhandlungen des Rates mit den Gilden und Zünften statt.

 

 

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