Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

VII. Der Turm

 

Der Turm

Jacobikirche Göttingen Turm

Bild: © Roland Salz 2014

Einzig über den Bau des Turmes von St. Jacobi sind ausführlichere schriftliche Urkunden überliefert, und so weiß man bis heute genau, daß er 1426-1433 von einem Meister Hans Rutenstein aus Hildesheim entworfen und realisiert wurde. Im Gegensatz zum Unterbau der Kirche ist der Turm ganz aus dem rötlichen Buntsandstein errichtet und, wie wir gesehen hatten, unverputzt.

          Zwischen den erwähnten, den Turmansatz auf allen vier Seiten umrahmenden Dreiecksgiebeln, die übrigens wieder krabbenbesetzt und von Kreuzblumen bekrönt sind, leiten abgeschrägte Zwickel zum achteckigen Grundriß des Turmschaftes über. Dieser Grundriß wird etwa auf der halben Höhe der Dreiecksgiebel erreicht. Schon knapp oberhalb ihrer Kreuzblumen schließt ein schmales Gesims dieses erste Turmgeschoß ab, das im Vergleich zu den darauf folgenden beiden Geschossen sehr kurz ist und daher auch als Halbgeschoß bezeichnet werden kann. Dieses unterste Turmgeschoß ist fensterlos, wird nur von starken, vierkantigen Ecklisenen und einem mit Blendmaßwerk ge- schmückten Rundbogenfries unter dem Gesims strukturiert. Aus den schrägen Zwickeln wachsen aber auf jeder der vier Ecken starke Fialen bis fast zur Höhe dieses ersten Gesimses empor, auf der Westseite sind ihnen nochmals jeweils drei kleinere Fialen auf den Spitzen der mächtigen westlichen Strebepfeiler vorgestellt. Das unterste Geschoß des Turmschaftes ist daher nicht nur auf den vier Seiten der Drei- ecksgiebel durch diese in hohem Maße verhüllt (hier flächig), sondern ebenso auf den vier übrigen Seiten oberhalb der Zwickel (hier räumlich). Der Turm hat sich im Bereich dieses Geschosses also noch nicht völlig von seiner stützenden Struktur befreit, im Gegenteil, die niedrige Höhe suggeriert dem Betrachter, daß der Rest dieses Ge- schosses tief im Innern des Westbaus verankert ist, dem Blick verborgen wie der Stengelansatz einer Blütenpflanze zwischen ihren bodenständigen Blättern.

          Die beiden Hauptgeschosse des Turms sind jeweils etwa doppelt so hoch wie das eben beschriebene untere Turmgeschoß. Dessen Ecklisenen setzen sich über das schmale Gurtgesims hinweg im ersten Hauptgeschoß fort bis zu dem mächtigen Kranzgesims. Darüber springt das zweite Hauptgeschoß unmerklich zurück, die Ecklisenen werden aber auch hier weiter nach oben geführt bis zu dem nächsten Gurt- gesims. In beiden Hauptgeschossen erscheint – nur an diesen Ecklise- nen – auf halber Höhe jeweils ein verkröpfter Schmuckring. Die acht Wandflächen zwischen den Lisenen sind in beiden Geschossen von großen Schallfenstern durchbrochen. Diese zeigen schlanke, steile Proportionen, sind jeweils zweibahnig und brechen nur etwa ein Viertel der Wandfläche auf. Auf der Westseite des ersten Hauptgeschosses jedoch ist das Fenster dreibahnig (die Bahnen sind hier auch deutlich breiter als sonst) und öffnet etwa die Hälfte der Wand. Die Fenster liegen tief in die Turmmauern eingebettet, wobei die Gewände im wesentlichen aus einer gewaltigen Hohlkehle bestehen. Knapp ober- halb der Fensterbögen sind den Außenmauern zusätzliche Blendbögen vorgelegt, die auf kleinen Konsolen ruhen. Sie sind auf jedem Schenkel mit gewaltigen Krabben besetzt und werden im Scheitelpunkt von ebenso voluminösen Kreuzblumen überragt. Bei ganz genauem Hinse- hen entpuppen sich diese Bögen als Kielbögen, die Schenkel sind also im Gegensatz zu Spitzbögen oben konkav geschweift und laufen nach oben tangential zusammen. Auch die Fensterbögen selbst zeigen im Ansatz diese Form, sind aber von normalen Spitzbögen hier praktisch kaum zu unterscheiden.

          Mit diesen überfangenden Blendbögen erschöpft sich die Dekoration der Fenster aber noch nicht. Unterhalb der vorgeblendeten Kielbögen und oberhalb der Bogenlaibungen der Fenster entspringen dem bogenförmigen Mauerrand Maßwerke, greifen nach unten aus und schieben sich als Schleierwerk räumlich vor die Maßwerke der Schall- fenster selbst. Dieses Schleierwerk besteht aus nach unten geöffneten Dreipässen, deren Zapfen mit ebenfalls nach unten gerichteten Kreuz- blumen besetzt sind. Die Schallfenster werden im Bereich ihrer Maß- werke daher praktisch zweischalig, zwischen den beiden skulptierten Ebenen wird ein Raum erzeugt, den der Betrachter trotz der großen Entfernung von unten gut wahrnehmen kann.

          Wer die Maßwerke im unteren Teil der Kirche ausführlich studiert und vielleicht versucht hat, sie einmal exakt in Worte zu fassen, der wird über diejenigen an den Schallfenstern im Turm ins Staunen gera- ten. Hier finden sich Formen, deren Beschreibung das Höchste an kon- zentrierter Betrachtung und sprachlicher Phantasie erfordern würde. Hier kann man die Tendenz der Spätgotik, die überkommenen Formen systematisch weiterzuentwickeln, zu verschleifen,  zu verzerren, schließlich zu überschreiten, im Detail verfolgen. Angesichts von Drei- pässen, die sich wie geschmolzen zur Seite neigen, die dem harten, in tagelanger Arbeit ausgemeißelten und nun seit Jahrhunderten hier fest- gefügten Sandstein etwas scheinbar Organisches, Bewegtes, ephe- mer Momenthaftes wie das Zusammensinken eines verblühten Blumen- stiels einhauchen, könnte man an einige Häuser von Frank Gehry denken, den Neuen Zollhof in Düsseldorf etwa, die sich zu den klaren, rechtwinkligen Formen der frühen Moderne verhalten wie dieses spätgotische Maßwerk zum hochgotischen.

          Das Kranzgesims zwischen den beiden Hauptgeschossen des Turms ist – im Gegensatz zu dem Gurtgesims über dem unteren Halbgeschoß – breit, stark profiliert und kragt weit vor. Wasserspeier in Form von skulptierten Bestien stehen an den acht Ecken ab. Oberhalb des zweiten Hauptgeschosses und seines abschließenden weiteren Gurtgesimses bricht die Gestaltung des Turmes aus Buntsandstein abrupt ab. Es ist bis heute nicht klar, ob darüber ursprünglich noch ein weiteres Turmgeschoß stand oder gleich die „lange und hohe Spitze“, die ein Stadtchronist im Jahre 1459 nennt. Sicher aber ist, daß durch mehrfache Blitzeinschläge und dadurch ausgelöste Brände nicht nur diese Spitze unterging, sondern auch große Teile des Turmschaftes stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde daher die Spitze der Kirche mit einem deutlich niedrigeren, rundlichen Dach versehen, das seitdem alle Stadtansichten zeigen. Heute befindet sich über dem zweiten Hauptgeschoß ein niedriges, in den Gefachen mit beigem Kalkbruchstein ausgemauertes Fachwerkgeschoß. Es ist fensterlos, die wenigen kleinen Holzluken sind mit roten, grauen und weißen Streifen bemalt wie die Archivolten des Westportals. Gegenüber dem zweiten Hauptgeschoß springt das Fachwerkgeschoß deutlich zurück. Genau wie seine in Kupfer gedeckte Welsche Haube mit der durchbrochenen Laterne stammt dieser Turmabschluß vom Ende des 17. Jahrhunderts, aus der frühen Barockzeit.

          Unter dem schlichten Kreuz auf der Turmhaube ist eine Wind- fahne angebracht, die einen heraldischen Löwen zeigt – vielleicht als Anspielung auf den vermuteten Kirchengründer Heinrich. Zwar wird auch das Patronat des Schutzheiligen der Pilger oberhalb der Dächer von St. Jacobi weithin sichtbar versinnbildlicht: ein weiteres Kreuz, das am östlichen Firstende des Langhaus aufragt, steht auf einer stilisier- ten, golden glänzenden Jakobsmuschel. Trotzdem ist diese Rangfolge ungewöhnlich, immerhin ist der Turm viel höher. Ist der Stadt- und Kirchengründer für die heutigen Göttinger die wichtigere Persönlichkeit? Auch der überlebensgroße Ritter in voller Rüstung und mit Streitaxt, der seit kurzem auf dem First des ehemaligen Restaurants Zum Ritter in der Weender Straße, gegenüber dem Eingang der Jacobikirche steht, scheint beinahe noch auf die Befehle des Welfenherzogs zu warten. Solange diese ausbleiben, betrachtet er reglos die kreisenden Falken und bewacht das, was jener für Göttingen gestiftet hat: das Gotteshaus mit dem höchsten Kirchturm der Stadt.

 

 

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