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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Westbau mit Vorhalle

Jacobikirche Göttingen Westbau

Bild: © Roland Salz 2014

VI. Westbau und Vorhalle

 

Obwohl der Westbau eine ganz andere Struktur als das Langhaus aufweist (wir erinnern uns, daß er das Gewicht eines sehr hohen Einturms trägt und daß die Turmhalle im Innern ein etwa doppelt so langes Joch bildet wie diejenigen des Langhauses), springt dieser Unterschied –zumindest im unteren Bereich, demjenigen, den der gewöhnliche Passant wahrnimmt – nicht sofort ins Auge. Das Kaff- gesims unter den Fenstern bindet auch den Westbau in die Gesamt- anlage ein, die seitlichen Strebepfeiler ragen nicht soviel weiter vor als im Langhaus und es fällt auf den ersten Blick kaum auf, daß sie dafür wesentlich dicker sind. Die Turmhalle ist wie ein Langhausjoch durch- fenstert, zweibahnig im Norden und an den westlichen Enden der Sei- tenschiffe, dreibahnig im Süden, und die wesentlich größeren Mauer- partien links und rechts der Fenster auf der Nord- und Südseite der Turmhalle, bedingt durch die viel größere Jochlänge, wird man bei flüchtiger Betrachtung auch leicht übersehen. Selbst die Wasserspeier und die Fialen auf den seitlichen Strebepfeilern sind wie am Langhaus gestaltet.

          Erst der mittlere Bereich der Westfassade, vor dem Mittelschiff der Turmhalle, und die gesamte Dachzone heben sich vom Langhaus deutlich ab, sind aber durch den eben beschriebenen fließenden Übergang vom Langhaus zum unteren Westbau trotzdem organisch angebunden. Während sich die seitlichen Strebepfeiler der Turmhalle und auch die diagonal gestellten an ihren westlichen Ecken auf der Höhe des dritten Wasserschlags deutlich verjüngen, so daß sie im Traufenbereich fast nur noch die Stärke derjenigen des Langhauses haben, sich diesen optisch annähern, stehen die beiden nach Westen gerichteten Strebepfeiler fast doppelt so weit vor wie die anderen Strebepfeiler des Westbaus und ragen nicht nur bis zur Traufenhöhe, sondern fast bis zum Turmansatz empor, auf eine Höhe also, die etwa in der Mitte zwischen Traufe und First des Langhausdaches liegt.

          Der Westbau von St. Jacobi zu Göttingen gilt in Bezug auf die Entwicklung des gotischen Kirchenbaus im späten Mittelalter als besonders fortschrittlich was die Betonung des Westportal angelangt, und es lohnt sich daher, die Westfassade besonders aufmerksam zu studieren. Noch an St. Johannis, der Göttinger Marktkirche, die etwa 50 Jahre vor St. Jacobi entstanden war, kann man beobachten, wie sehr der Westbau, hier als ein sog. Sächsischer Westriegel gestaltet, geradezu ein Bollwerk darstellte und sich einer jeglichen Öffnung, selbst durch ein Portal, weitgehend sperrte. Tatsächlich verzichteten die frühen Beispiele solcher Kirche, etwa im Braunschweiger Raum, völlig auf Eingänge auf der Westseite. Das Westportal von St. Johannis war erst nachträglich vergrößert und an Ausschmückung demjenigen auf der Südseite der Kirche angenähert worden. Ganz anders bei St. Jacobi, dessen Westeingang von Anfang an in seiner Bedeutung die Portale auf der Nord- und Südseite weit übertraf.

          Die Betonung des Westportals wird nicht nur durch sein auf- wendiges, diejenigen der beiden anderen Portale weit übertreffendes Gewände erreicht, sondern vor allem durch das davor zwischen die beiden weit vorspringenden Strebepfeiler gespannte Dach, durch das eine große offene Vorhalle gebildet wird. Über einem profilierten, gespitzten Arkadenbogen, der in seinem äußeren Bereich auf Konso- len ruht, die an den Stirnseiten der Strebepfeiler entspringen, erhebt sich der Dreiecksgiebel eines steilen, mit Sandsteinplatten bedeckten Satteldachs. Die Ortgänge des Giebels, der in seiner Mitte durch einen Okulus mit Dreipaßmaßwerk geschmückt ist, sind krabbenbesetzt, auch eine Kreuzblume auf dem First fehlt nicht. Das Satteldach erstreckt sich von der Stirnseite der Strebepfeiler bis zur Westwand der Turmhalle, überdeckt den gesamten Bereich zwischen den Strebepfeilern. Um das Regenwasser abzuleiten, verschneidet es sich aber mit einem auf seiner Firsthöhe an der Westwand entspringenden, ebenfalls sandstein- plattengedeckten Pultdach, das hinunter bis zu den Ansätzen des Dreiecksgiebels läuft. Die Konsolen für die äußeren Archivolten des Arkadenbogens sind figürlich skulptiert. Wiederum zeigen sie Büsten mit Männerköpfen, diesmal zwischen einzelne, große Blütenmotive ge- stellt. Über den Konsolen ragen dreieckige, vor die Stirnseiten der Strebepfeiler gelegte Fialen bis fast zum First des Vordaches auf, sie sind mit reichlich Blendmaßwerk geschmückt.

          Im Innern ist diese Vorhalle kreuzrippengewölbt. Es fällt auf, daß dabei die Gurt- und Schildbögen genauso wie die Rippen etwas über Kopfhöhe einfach aus den Mauerecken der Vorhalle entspringen, also nicht durch Dienste oder Konsolen in den Boden abgeleitet werden. Dasselbe gilt für den Arkadenbogen, auch er wächst ohne markierten Ansatz einfach aus den Dreiecksfialen über den Konsole bzw. dem vorderen Innenrand der Strebepfeiler empor. Der Eingang selbst ist als spitzbogiges Gewändeportal ohne Tympanon realisiert. Im Scheitel seiner Bogenlaibung, zwischen den Spitzen der insgesamt sechs Archivolten, sind als einziger Schmuck wiederum zwei kleine skulptierte Köpfe zu sehen, allerdings so verwittert, daß ihre ursprünglichen Gesichtszüge nicht mehr erkennbar sind. Auf dem Wandfeld darüber, unterhalb des Scheitels des Gurtbogens, befindet sich das Relief eines bärtigen Christuskopfes, frontal nach vorn schauend und von einem kreuzförmigen Nimbus umgeben.

          Wir hatten schon gesehen, daß sich der Turm der Kirche aus dem Westbau hinter Dreiecksgiebeln erhebt, die ihn auf allen vier Seiten umstellen. Auf der Westseite bildet dieser Giebel zugleich den Abschluß der Fassade. Die schon erwähnten Pultdächer über den Seitenschiffen der Turmhalle sind dabei in dem Maße steiler als das Langhausdach gestellt, daß ihre westlichen Ortgänge genau mit denen des westlichen Giebels vor dem Turmansatz fluchten. Damit verlängert sich der westliche Fassadengiebel optisch bis herunter zu den Traufen der Pultdächer und überspannt somit die gesamte Breite der West- fassade. Eine Wahrnehmung dieses Fassadengiebels als einheitliche Fläche kommt aber damit trotzdem nicht recht zustande, denn die beiden westlichen Strebepfeiler sind auch vor diesem Giebel noch so massiv und so weit vorstehend, daß sie auch ihn noch in die drei Schiffe der Turmhalle zerschneiden. Als Pendant zu den beiden west- lichen Fenstern der Seitenschiffe, als deren Krönung sozusagen, schmückt ein gewaltiges Blendfenster das mittlere Giebelfeld oberhalb der Vorhallendächer. Es zeigt ein stark profiliertes Gewände, ist vier- bahnig (als einziges der ganzen Kirche) und öffnet sich oberhalb einer filigranen Uhr in ein kleines wirkliches Zwillingsfenster.

 

 

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