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                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Flügelaltar Werktagsseite

Jacobikirche Göttingen Flügelaltar Werktagsseite

Bild: License

XI. Die Werktagsseite

 

Schon die Werktagsseite des Jacobiretabels zeigt bei näherem Hin- sehen eine ganze Reihe von Auffälligkeiten. Da lassen sich die acht Szenen aus dem Leben des Schutzpatrons der Kirche bereits auf zwei- fache Weise lesen. Die normale Leserichtung, von links nach rechts und Zeile für Zeile, ergibt eine durchlaufende Geschichte, die von der Berufung des Heiligen über sein Wirken und sein Martyrium bis zur Translation seiner sterblichen Überreste nach Spanien reicht. Doch bilden die beiden Flügel jeder für sich betrachtet auch in sich abge- schlossene Geschichten. Die vier Tafel des linken Flügels (vom Be- trachter aus gesehen) zeigen Szenen aus dem Neuen Testament:

  • die Mutter von Jakobus und Johannes bittet Jesus für diese um einen privilegierten Platz neben ihm im Himmel;
  • Jakobus, an seinem Pilgerhut mit dem Muschelemblem zu erkennen, predigt von einem erhöhten Podest oder Stuhl aus einer Menge von Zuhörern, unter denen sich auch der böse Zauberer Hermogenes befindet;
  • Jakobus wird gefesselt dem König Herodes Agrippa I. vorgeführt und von diesem zum Tode verurteilt;
  • Auf Befehl des Königs wird Jakobus enthauptet.

Die vier Tafeln des rechten Flügels erzählen Episoden, die aus apokry- phen Schriften des Evangeliums bzw. aus Heiligenlegenden des Mittel- alters stammen:

  • Der Zauberer Hermogenes schickt einen Dämon aus, um Jakobus zu ihm zu holen;
  • Der Dämon holt aber nicht den Jakobus, sondern er schleppt, von Jakobus bekehrt, umgekehrt den Hermogenes zu diesem, wo er ebenfalls von Jakobus bekehrt wird;
  • Die Jünger des Jakobus betten den enthaupteten Leichnam in ein Boot, daß diesen zur iberischen Halbinsel bringen soll;
  • Wilde Stiere, die die iberische Königin Lupa boshafter Weise als Zugtiere für den Transport des Sargs empfohlen hat, bringen, wie durch ein Wunder gezähmt, den Leichnam auf einer Kutsche gera- dewegs zu ihr hin, worauf sie ebenfalls bekehrt wird und ihr Schloß zur ersten Jakobskirche umfunktioniert.

Während die Szenen des linken Flügels also die Vita des Heiligen in Kurzform darstellen, auf die drei zentralen Stationen der Berufung, des missionarischen Wirkens und des Martyriums beschränkt, fügen die Szenen des rechten Flügels zwei Episoden in diese Vita ein. Es handelt sich um zwei Bekehrungswunder, die Jakobus einmal als Lebender, dann als Toter vollführt: am Zauberer Hermogenes und seinem Dämon einerseits und an der Königin Lupa und den wilden Stieren anderer- seits.

          Bei der künstlerischen Gestaltung dieser geschlossenen Ansicht des Flügelaltars fällt zuerst die düstere Farbgebung auf. Die acht Tafeln sind überwiegend in roten, aber auch dunkelblauen, dunkelgrünen und braunen Tönen gemalt, so daß sich fast der Eindruck einer Grisaille- malerei einstellt. Nur die rote Farbe ist auch in helleren Tönungen anzu- treffen, diese reichen von tiefem Weinrot bis zu hellem Rosa. Jeweils zwei Szenen sind auf eine Holztafel gemalt. Jede dieser Doppeltafeln wird, zusätzlich zu den tatsächlichen hölzernen Rahmenleisten, von ei- nem in wiederum weinroter Farbe gemalten Rand umfaßt, der illusioni- stisch als von Hohlkehlen profiliertes hölzernes Stabwerk gestaltet ist. Auch zwischen die beiden Szenen einer Tafel ist ein solcher gemalter Holzsteg gesetzt, der zudem einen Maßwerkfries in bräunlicher Farbe trägt, genau wie die tatsächlichen Rahmenleisten der geschlossenen Altarflügel. Der Illusionismus reicht aber noch weiter: die gemalten Trennleisten zwischen den Szenen stehen, in ihrer Hohlkehlenprofilie- rung, wie Pfeiler auf einem perspektivisch gemalten Fliesenboden, auf dem sich links und rechts die beiden Szenen abspielen. Beide Mittel, die gemalt plastische Mittelleiste und der perspektivische Fliesenboden, verstärken sich dadurch gegenseitig in ihrer Räumlichkeit suggerieren- den Wirkung.

          In völlig unrealistischer Weise durchzieht der einheitliche Fliesen- boden mit den Vierblattmustern den Vordergrund aller acht Szenen, auch wenn einige von ihnen offenkundig im Freien spielen. Unwillkürlich muß man hier an abstrahierende Bühnenbilder des modernen Theaters denken. Die Figuren stehen entweder auf diesem Fliesenboden, oder aber sie schweben vor einem völlig ungestalteten, dunklen Hintergrund. In einigen Fällen überschneiden die handelnden Figuren auch den gemalten plastischen Bildrand, treten gegenüber diesem also schein- bar räumlich hervor. Szenische Staffageobjekte werden mit äußerster Sparsamkeit eingesetzt: da ist die Kanzel, von der Jakobus predigt, der Thron des Königs Herodes Agrippa, der Kahn, die Kutsche und das stilisierte Schloß der Königin Lupa, mehr nicht. Zierliche Inschriften unter den einzelnen Szenen bezeichnen diese dem Betrachter in mittel- niederdeutscher Sprache.

          Mit den genannten Merkmalen ist die Werktagsseite noch lange nicht erschöpfend charakterisiert. Um weiter in die formalen Strukturen von Ikonographie und Stil vorzudringen, müssen aber erst einmal die beiden anderen Ansichten in ihrer Grundanlage beschrieben werden.

 

 

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