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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

Ansicht von Südenosten

V. Der Neubau des 14. Jahrhunderts: Grundriß und Bauvolumina

Jacobikirche Göttingen von Südosten

Bild: © Roland Salz 2014

Die Göttinger Jacobikirche ist in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhun- derts vollständig neu gebaut worden. Über den ersten Kirchenbau des späten 12. Jahrhunderts oder weitere Vorgänger des 13. Jahrhun- derts ist so gut wie nichts bekannt, da es hierüber kaum überlieferten Urkunden gibt und bisher in der Kirche auch so gut wie keine systematischen Grabungen stattgefunden haben. Im Jahre 1350 hatte Herzog Otto das Kind den Göttingern die Erlaubnis zum Neubau von St. Jacobi erteilt, eine kaum noch lesbare Inschrift in der Portalhalle datiert den Baubeginn auf 1361. Im Jahre 1402 war die Kirche so weit fertig, daß das Retabel auf dem Hauptaltar aufgestellt werden konnte; die Vollendung des Turmes zog sich noch bis 1433 hin.

          Bei dem Neubau handelt es sich um eine dreischiffige Hallenkirche ohne Querhaus. Fünf relativ kurze Joche bilden das Langhaus, daran schließt sich im Westen eine breite, zu diesem offene Turmhalle an. Die sehr massiven, achteckigen Turmhallenpfeiler fluchten auf ihren Außenseiten mit denjenigen der Langhauspfeiler. Im Osten wiederum fluchten die Mauern des Chors, der aus zwei Jochen und einem 5/8-Schluß besteht, mit den Pfeilern des Langhauses.

          Die Länge des Joches der Turmhalle beträgt mehr als die doppelte Langhausjochlänge. Die Breite des Westbaus ist mit derje- nigen des Langhauses identisch. Während die Mittelschiffjoche des Langhauses querrechteckig sind und seine Seitenschiffjoche quadra- tisch, ist in der Turmhalle das Mitteljoch quadratisch und die Seiten- joche längsoblong. Die westlichen Ecken des Mittelschiffjoches der Turmhalle sind durch pilasterartig der Wand nach innen vorgelegte Halbpfeiler von derselben Dicke wie die östlichen Turmhallenpfeiler verstärkt, so daß schon vom Grundriß her einsichtig ist, daß es sich bei der Kirche nur um eine Anlage mit zentralem Einturm über dem Westbau handeln kann. Massive Strebepfeiler stützen den Westbau nicht nur an den äußeren Ecken seiner Seitenjoche ab, nach Norden und Süden, bzw. Nordwesten und Südwesten, sondern auch von den besagten beiden westlichen Ecken des Mitteljochs, und zwar nach Westen. Zwischen diese beiden mächtigen, bis fast zur Firsthöhe des Langhauses hinaufreichenden Strebepfeiler ist die offene Vorhalle gespannt, die in Richtung zur Weender Straße geht und das Westportal der Kirche betont.

          Nicht nur haben im Langhaus die Gewölbe der Mittel- und der Seitenschiffe dieselbe Höhe, auch Langhausmittelschiff und Chor sind gleich hoch. Dieser Zusammenhang ist bei der Betrachtung des Außenbaus von St. Jacobi nicht unmittelbar einsichtig. Zwar läßt das steile, geschlossene Satteldach des Langhauses auf eine Hallenkirche schließen, doch liegt die Firstlinie des Chordaches deutlich tiefer als beim Langhaus, was intuitiv einen niedrigeren Chor suggeriert. Daß aber bei gleicher Firsthöhe (und gleicher Dachneigung) von Langhaus und Chor die Chorgewölbe sogar merklich höher als im Langhaus sein müßten, zumindest was die Seitenschiffe des Langhauses betrifft, das läßt sich sehr schön an dem gut erhaltenen Bau der Dominikanerkirche in Göttingen ablesen, heute Festsaal der Staats- und Universitätsbiblio- thek. Bei St. Jacobi liegen die Traufen von Langhaus- und Chordach aber auf einer Höhe, und so läßt sich der Zusammenhang der Höhen- verhältnisse im Innern erschließen – vorausgesetzt, man kann eine Staffelhalle ausschließen.

          Im Süden ist dem Chor ein niedriges Sakristeigebäude vorgelegt, das den Bauplan des Chors im Kleinen wiederholt und sich an diesen anzulehnen scheint wie ein Junges an das Muttertier. Auch hier folgt auf die beiden jetzt schwach längsrechteckigen Chorjoche ein zierlicher 5/8-Schluß. Die Volumina von Langhaus, Chor und Sakristei ergeben also eine schöne, gleichmäßige Staffelung. Die Sakristei ist nicht nur von Chor und südlichem Langhausseitenschiff aus zugänglich, sondern auch durch eine Außentür in ihrem zweiten Joch.

          Die optische Integration des Westbaus und vor allem des Turms in diesen Zusammenhang der Baukörper bereitet mehr Mühe. Zwar fluchten die Seitenmauern von Langhaus und Westbau und sind auch gleich hoch, doch ist die Dachlösung hier wegen des aufragenden Turmes über dem Mitteljoch der Turmhalle kompliziert. Seine Seiten- joche sind je von einem Pultdach überfangen, das deutlich steiler ist als das Dach des Langhauses. Der Turm selbst ist auf allen Seiten von je einem Dreiecksgiebel umfaßt, der sich an den Seiten über den Pult- dächern erhebt, im West in die Gestaltung der Fassade integriert ist und im Osten etwas über den First des Langhausdaches hinausragt. Bis einschließlich dieser Giebel sind alle Wandflächen der Kirche Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in einem beigen, leicht ins Rötliche gehenden Ton verputzt worden, der an Inkarnat erinnert – die Strukturglieder wie Strebepfeiler, Fensterrahmungen, etc. dagegen in einem bräunlichen Rot, bei dem man an die Farbe ungeschminkter Lippen denkt –, den darüber aufsteigenden Turm ließ man dagegen unverputzt. Seine in enorme Höhe ragenden zweieinhalb Geschosse aus rotem, aber stark verwittertem und scheckigem Buntsandstein, das darauf aufsitzende flache Fachwerkgeschoß mit den hellbeige verputz- ten Gefachen und die grünliche Patina der bekrönenden, rundlichen Kupferhaube setzen so verschiedenartige Form- und Farbakzente dagegen, daß die Synthese zu einem optischen Ganzen nicht gerade leicht fällt. Schon die verputzten Dreiecksgiebel konstituieren keinen räumlichen Baukörper mehr, sondern eher so etwas wie die aufge- klappten Deckel einer komplizierten, in etwa mit dem Westbau (oder aber der ganzen Kirche) identischen und in seiner oberen Öffnung viereckigen Schachtel, aus der dann ein monströser, achteckige Turm hervorquillt.

 

 

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