Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

VIII. Ins Innere: erste Eindrücke von Raum und Gewölbe

 

Leider ist der ursprüngliche gotische Raumeindruck im Inneren der Kirche, seine lichte Weite (aufgrund der großflächigen Mittelschiffjoche und der damit verbundenen weiten Pfeilerabstände), heute nur noch mit etwas Phantasie zu erleben. In hellem Blaugrau gestrichene Holzemporen sind über mehr als die Hälfte der Langhausfläche eingezogen: sie überdecken die gesamten Seitenschiffe, die offene Turmhalle und sogar noch das westliche Mittelschiffjoch, so daß nur noch die drei übrigen Mittelschiffjoche und der Chor den "gotischen" Blick nach oben frei lassen. In protestantischer Zeit entstanden, aus der Notwendigkeit heraus, einer großen Gmeinde im Kirchenraum Platz zu bieten, waren die Emporen ursprünglich sogar noch breiter, teilweise zweigeschossig. Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden sie auf das heutige Ausmaß zurückgenommen. Das Erdgeschoß des Kirchenraumes ist darüber hinaus durch abgetrennte Vorräume für alle drei der Portale zerschnitten. Das gesamte Mitteljoch der Turmhalle ist auf diese Weise mit Glas abgetrennt, ihre Seitenjoche sind zu düsteren, knarrenden Treppenhäusern verkommen. Beeinträchtigt wird durch die Emporen aber auch das Gemeinschaftsgefühl der in der Kirche versammelten Gläubigen: die Sitzbereiche sind aufgesplittert und der Blickkontakt der ganzen Gemeinde untereinander ist verloren). Über die fehlende Harmonie der im Stil der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts gestalteten Frontseiten der Emporen und der Portalvorräume mit den gotischen Elementen der Kirche wollen wir hier nicht weiter räsonieren.

          Um einen Eindruck von der ursprünglichen gotischen Marktkirche zu gewinnen, müssen wir uns in die vorderen Mittelschiffjoche begeben. Lassen wir unseren Blick entlang eines der schlanken achteckigen Arkadenpfeiler nach oben gleiten, die von einem halbmeterhohen Sockel aus über dem heutigen kleinteiligen Parkettboden aufsteigen und deren Quadermauerwerk aus Rotsandstein unverputzt ist, bis wir zu seinem Kapitell gelangen, das sich als relativ schmales Band um die Achteckform herumzieht und das auch als Kämpferband bezeichnet wird. Es ist bei allen Pfeilern in leuchtendem Rot unterlegt und mit einzeln nebeneinander gereihten, stilisierten Blatt- und Blütenornamenten besetzt. Die Art und Gestaltung dieser Ornamente auf den verschiedenen Pfeilern, besonders ihre Entwicklung von Ost nach West, entsprechend dem Baufortschritt der Kirche (50 Jahre Bauzeit von Chor und Langhaus), erlaubt nicht nur eine zeitliche Zuordnung, sondern auch die Analyse von Beziehungen zu anderen, früheren Bauwerken und zu geographisch faßbaren Bauschulen, deren Einflüsse für St.Johannis bestimmend gewesen sein könnten.

          Die Kappen des Kreuzrippengewölbes sind, genauso wie die Wände von Seitenschiffen und Chor, weiß verputzt. Vor ihnen heben sich die Gurte und Rippen aus Rotsandstein ab, deren Oberfläche die Steinstruktur zeigt. Am auffälligsten sind die breiten Scheidbögen, die die Mittelschiffpfeiler untereinander verbinden und das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennen. Ein zentraler Birnstab wird seitlich von je zwei breiten Kehlen flankiert. Die Gurtbögen dagegen sind wesentlich schmaler, der Birnstab wird hier auf jeder Seite nur von einer Kehle abgesetzt. Da den Achteckpfeilern Dienste fehlen, entspringen auch die Gewölberippen oberhalb des Kämpferbandes. Auch sie sind im Langhaus als - jetzt noch etwas schlankere - Birnstäbe gestaltet.

          Etwas anders präsentieren sich die Gewölbe der Seitenschiffe. Sie ruhen auf schlanken Wanddiensten, die zum Teil vom Kirchenboden aus durchgehend hochlaufen, zum Teil erst in der Höhe der Emporenböden auf unornamentierten Konsolen ansetzen. Die Dienste für die Gurtbögen der Seitenschiffe sind wieder birnstabförmig profiliert, nur an den östlichen Wänden als Rundstab. Hier, im Osten, flankiert je ein Runddienst auch den Triumphbogenpfeiler. Die Dienste an den Ostwänden habe Kapitelle in der Art der Kämpferbänder der Arkadenpfeiler. Die übrigen, birnstabförmigen Dienste haben dagegen keine Kapitellzone, sondern gehen unmittelbar in die Bögen über. Auch hier erkennen wir also deutlich das sich im Verlauf der Bauzeit der Kirche wandelnde Stilideal: im Übergang vom Rund- zum Birnstabprofil und im Wegfall der Kapitelle.

          Die Dienste für die Rippen der Seitenschiffgewölbe laufen in Wahrheit neben denjenigen der Gurtbögen nach unten. Nur scheinbar werden sie auf halber Höhe von Konsolen gestützt, die mit Gesichter bzw. Masken skulptiert sind (Kopf- oder Maskenkonsolen; diese Konsolen sind alle unterschiedlich gestaltet, sie variieren vom Schemahaften bis zum persönlich-individuellen Portrait). Tatsächlich ändert sich oberhalb der "Konsolen" nur das Profil der Dienste: während es im unteren Teil gekehlt ist, ist es oberhalb der Masken und Köpfe wie dasjenige der Gurtbogendienste birnstabförmig.

          Im Gegensatz zum Mittelschiff und zu den Wanddiensten in den Seitenschiffen sind die Gurtbögen und Rippen in den Seitenschiffen als Kehlstäbe ausgebildet. Deutliche Formbrüche entstehen also dort, wo die ohne Kapitellabsatz durchlaufenden Birnstab-Dienste am Gewölbeansatz fließend in die Kehlstäbe übergehen.

 

 

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