Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

XI. Die ursprüngliche gotische Ausstattung und was sonst noch geschah

 

Patronatsherren der Göttinger Marktkirche St.Johannis waren die Welfenherzöge. Nach der Chronik des Franciscus Lubecus soll Heinrich der Löwe, dem auch die Stadtgründung zugeschrieben wird, 1166 einen steinernen Löwen auf der Ostseite der Friedhofsmauer um St.Johannis errichtet haben, auf der Seite also, die sich dem Marktplatz zuwendet. Auf der Nordseite des Chors, jenseits der alten, zweistöckigen Sakristei, aber noch innerhalb der Friedhofsmauer, wurde 1379 eine Kapelle angefügt, gestiftet von Johannes von Waake. Die angesehene Familie derer von Nörten stiftete eine weitere Kapelle, die in einem Seitenjoch der Turmhalle eingerichtet wurde. In der Chronik aus dem 16. Jahrhundert wird viel von den Stiftungen für die einzelnen Altäre von St.Johannis im Mittelalter berichtet. So gab es in der Kirche z.B. Altäre des hl. Eustathius, dem auf der Jagd ein Hirsch erschienen war mit einem Kruzifix zwischen dem Geweih, des hl. Erzengels Michael (vergl. Schlußstein), der hl. drei Könige, des hl. Nikolaus, der hl. Barbara, der hl. Elisabeth und des hl. Antonius. Über den gotischen Hauptaltar ist jedoch nichts bekannt, außer, daß es sich um einen Flügelaltar gehandelt haben muß.

          Die Johanniskirche besaß schon im Mittelalter zwei Orgeln, eine große, und eine kleine, weithin berühmte sog. Schwalbennest-Orgel, wahrscheinlich an der Seite des Chors angebracht und aus der Zeit um etwa 1400. Gerade im heurigen Jahr, 1999, wird die 1954-60 von Paul Ott gebaute und mit einem für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Prospekt von Wulf Knipping versehene Orgel restauriert. Die erste Orgelrenovierung fand aber bereits 1516 statt, und darüber weiß Franciscus Lubecus zu berichten:

          "Es haben die Alderleut oder Fursteher der Kirchen zu St. Johannes allhier zu Göttingen eine schöne und herrliche Orgeln, genennt das große Werk, bauen lassen von Grund auf neu: den Stuhl mit Laden, Belgen und Pfeifen. Die Pfeifen wurden in Tilen Ertingehausen Hause (das er damals inne hatte - hart am Officials Hause) furm Schornstein durch Meister Hans Gensenberger alias Federbusch von Mühlhausen bereitet und gefertigt, darannen er ganzer zwei Jahr gemacht. Er hatte schon herrliche lange Haar, der Bart hing ihme bis auf den Bauch hernieder. Was es aber kostet, findt man in den Kastenherrn Inventarien."

          Eine Fülle von interessanten Details weist die Chronik dieses ehemaligen Kaplans von St.Johannis auf. So soll auf einer Konsole an einem der nördlichen Mittelschiffpfeiler, unweit des Nordportals, eine knapp einen Meter große Statue gestanden haben:

         "Es steht noch heutzutage ein steinern Rholant in der St. Johannis Kirchen in seinem ganzen Ornat und dem Schild, darauf ein gedoppelter Adler stehet, in seinem vollen Küraß (Koritzer), Ringschnur, breitem Gürtel und Schwert in der Hand am bloßen Haupte, so man sagt ehemals aufm offen Markt gestanden."

          Bekanntlich ist das Rolandsstandbild ein in weiten Teilen Norddeutschlands (z.B. Bremen, Halberstadt), aber auch Mittel- und Osteuropas verbreitetes Symbol mittelalterlicher städtischer Privilegien. Der "Rholant" wurde dabei in der Regel gut sichtbar vor dem Rathaus bzw. auf dem Marktplatz postiert.

          Ihre größte Stunde dürfte die Göttinger Marktkirche St.Johannis im Jahre 1339 erlebt haben, noch ehe der gotische Neubau fertig war. Durch vielerlei rechts- und regelwidriges Tun der Göttinger Bürgerschaft war nämlich unversehens ein päpstlicher Bann über die Stadt gekommen. Nicht nur, daß die Göttinger bei einem ihrer zahlreichen Zerstörungsfeldzüge 1294 zugleich mit der Kaiserpfalz Grona auch die daneben liegende Burgkapelle abgebrannt hatten; nicht nur, daß sie unerlaubterweise zwei Kirchenmänner gefangen genommen hatte; und nicht nur, daß sie die mutmaßlichen Mörder des Werner genannt Godesgnade, die sich auf dem Kircharenal in Geismar verschanzt hatten, einer im Pfarrhaus, der andere auf dem Kirchturm, dort gefangen genommen hatte; nein, sie hatten auch die Braugerechtigkeit der Geistlichen eingeschränkt!

          Die kluge Göttinger Bürgerschaft schwenkte angesichts des päbstlichen Banns sogleich auf Diplomatie um und erreichte vom Erzbischof von Mainz auch alsbald die Aufhebung des Bannes, die urkundlich besiegelt wurde (noch heute erhalten). In einem denkwürdigen Akt sprach Pfarrer Hermann daraufhin den zu diesem Zwecke im Chor von St.Johannis feierlich und vollzählig versammelten Stadtrat im Namen der christlichen Kirche frei.

          Und doch, spät kam die Vergeltung. Hundert Jahre nach der Reformation, die in Göttingen im Jahre 1529 stattgefunden hatte, im Jahre 1626, mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges, nahm Graf Tilly, oberster Feldherr der Truppen der Gegenreformation in Deutschland, die Stadt ein. Bei einem Besuch Tillys in der Stadt im Winter 1629/30 erreichte ein Mönch, der kurz zuvor schon das ehemalige Paulinerkloster gewaltsam in Besitz genommen hatte, um es wieder der katholischen Kirche zuzuführen, daß der Stadtrat auch die kostbare mittelalterliche Büchersammlung, die im Obergeschoß der Sakristei von St.Johannis untergebracht war, ausliefern mußte. Dies geschah so überraschend und so schnell, daß kein Verzeichnis der Bücher mehr angelegt werden konnte. Man nimmt an, daß die wertvolle Sammlung über Umwege in die hungrigen Verließe der Vatikanischen Bibliothek gelangt ist.

 

 

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