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Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

III. Überblick: der Gesamtbaukörper als gotische Hallenkirche

 

An den Westbau von St.Johannis schließt sich nach Osten ein dreischiffiges Langhaus an, das als Hallenkirche unter einem einheitlichen Satteldach zusammengefaßt ist. Gerade in dieser Hinsicht, einem Langhaus mit gleicher Gewölbescheitelhöhe von Mittel- und Seitenschiffen, unterscheidet sich der gotische Neubau von den romanischen Vorgängern, die - wie in dieser Epoche üblich - eine Basilika-Gestalt gehabt haben werden, d.h. niedrigere Seitenschiffe und ein Mittelschiff mit belichtetem Obergaden. Der Gedanke der reinen Hallenkirche kommt in Deutschland erst mit der Gotik auf, über den Umweg einer Vorform, der sog. Staffelhalle. Eine solche Staffelhalle, die durch ein gegenüber den Seitenschiffen geringfügig höheres, aber unbelichtetes Mittelschiff gekennzeichnet ist, war wenige Jahre zuvor in der Paulinerkirche des Dominikanerklosters zu Göttingen realisiert worden; sie mag als Anregung für die Gestaltung des gotischen Neubau von St.Johannis gedient haben. Tatsächlich läßt sich aus dem Studium der Ostwand des Turmunterbaus zwischen Langhausgewölbe und -dach erschließen, daß St.Johannis ursprünglich auch als Staffelhalle geplant und sogar schon angefangen war: das Mittelschiff sollte ursprünglich etwas höher werden, als es heute ist; dieses Vorhaben wurde aber offensichtlich nicht weiterverfolgt, man änderte die Pläne noch während des Bauvorgangs.

 Das Langhaus besteht aus vier Jochen. Im breiten Mittelschiff sind sie nur ganz leicht queroblong, fast quadratisch. Die Seitenschiff dagegen sind schmal, nur etwa halb so breit wie das Mittelschiff, ihre Joche sind also stark längsoblong. Durch die nach innen offene Turmhalle setzt sich das Langhaus optisch über das vierte Joch hinweg fort, also jenseits der massigen Turmpfeiler, mit einem etwas kürzeren fünften (Turmhallen-)Joch. Durch verschiedene Einbauten im Erdgeschoß der Turmhalle und vor allem durch die darüber liegende, auch noch das gesamte vierte Joch einnehmende Orgel- und Chorempore wird dieser Raumeindruck jedoch heute stark herabgesetzt.

          Im Osten schließt sich an das querhauslose Langhaus der einschiffige Chor an, der aus zwei Jochen und dem 5/8-Chorschluß besteht. Gegenüber dem Mittelschiff der Halle ist der Chor etwas verbreitert, was sich baugeschichtlich aus dem bereits beschriebenen mittelalterlichen Verfahren ergibt, mit dem Neubau das bestehende Gebäude zu ummanteln. Das Mittelschiff wurden dagegen in den späteren Phasen nicht verbreitert, um für die neuen Langhauspfeiler die bestehenden Fundamente wiederverwenden zu können. So ergibt sich der ungewöhnliche Umstand, daß das erste Gewölbepfeilerpaar des Langhauses, das den Triumphbogen trägt, nicht in der Flucht der Längsmauern des Chores steht, sondern etwas in den Raum hineinragt und auf diese Weise die Sicht auf die seitlich äußeren Bereiche des Chors behindert.

          Leider ist der Chor der gotischen Kirche nicht mehr im Urzustand erhalten. Ursprünglich wurde er, wie das heute noch bei der etwas älteren Paulinerkirche zu sehen ist, von einer auf gleicher Firsthöhe und mit gleicher Dachneigung fortgesetzten Verlängerung des Satteldachs des Langhauses überfangen. Zudem war das Gewölbe des Chors höher als das der Halle, seine Scheitelhöhe lag etwa drei Meter über derjenigen des Langhauses. Dieser Umstand mag den Anlaß gegeben haben zum Abriß des gesamten gotischen Chorgewölbes im Jahre 1792. Das Gewölbe wurde auf die Höhe des Langhauses herabgestutzt und in barocker Weise neu gestaltet. Auch das Satteldach des Chores wurde entsprechend gegenüber demjenigen der Halle um drei Meter tiefer gelegt. Und wenn auch das neue Satteldach über dem Chorabschluß wiederum nach den drei östlichen Seiten des Oktogons pyramidenförmig abgewalmt wurde, genau wie das vorher der Fall war und wie es auch bei der Paulinerkirche zu sehen ist, so führte dieser Umbau doch zu einer deutlichen optischen Veränderung der Kirche auch im Äußeren.

          Von diesem schwerwiegendsten baulichen Eingriff, der zudem noch durch das Entfernen aller Fenstermaßwerke und der gesamten gotischen Ausstattung begleitet war und dem in seiner Radikalität nur die Neugestaltung des Innenraums in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts nahezukommen vermochte, konnte sich der gotische Kirchenbau naturgemäß nur noch teilweise erholen. Nach Plänen von C.W. Hase wurde St.Johannis 1895-97 regotisiert. Die ursprüngliche Höhe des Chorgewölbes und des Satteldaches wurde dabei aber nicht wiedergewonnen. Und anstelle des schlichten 5/8-Chorschlusses wurde jetzt eine neogotische Konstruktion geschaffen: mit Hilfe von zwei in den Chorschluß eingestellten Freipfeilern.

 

 

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