Pisa © Roland Salz 2000 - 2015
Roland Salz                                                                      
                                                          Internationale Architekturbeschreibung

SUB Göttingen

Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen 9v17

Bild: © Roland Salz 2014

VIII. Bullaugen, Steuerhaus und Landungsbrücke: Die Ost- und die Südfassade

 

Die rückwärtige Ostseite des Gebäudes greift die Gestaltungsweise der Nordfassade auf, führt diese weiter und wandelt sie ab. Auch hier wird, durch hervortretende Pfeiler in den beiden unteren Geschossen, eine Gliederung in Joche erreicht. Die Abfolge der insgesamt 17 Fas- sadenjoche der Ostseite ist jedoch, um angesichts ihrer Länge keine Monotonie entstehen zu lassen, auf mehrfache Weise rhythmisch ge- gliedert. Einerseits ergibt sich eine Unterteilung in zwei Bereiche durch die dieser Gebäudeseite vorgelegte Rampe. Die nördlichen drei Joche liegen jenseits von ihr und wiederholen sich spiegelbildlich auf der nördlichen Westseite des Bauwerks. Sie markieren – zusammen mit der zum Forum gehenden Nordfassade – den kubischen Gebäudeteil, der den kurzen Schenkel des beschriebenen L-förmigen Rückgrates bildet. Der zweite, deutlich längere Bereich der Ostfassade, hinter der nach unten führenden Fahrrampe gelegen und von dieser durch einen schmalen, vor dem Erdgeschoß entlangführenden Laufgang getrennt, umfaßt also noch einmal 14 Joche und entspricht dem langen Schen- kel der L-Form. Die optisch bedeutsamere Rhythmisierung der Ost- fassade wird jedoch durch zwei deutlich herausgehobene Joche an 3. und 9. Position erreicht (von Norden aus gezählt).

          Sowohl auf der Ost- als auch auf der Westseite des nördlichen Baukörpers führen die ersten beiden Joche die Gestaltungsprinzipien der Nordfassade weiter. Der schmale Laubengang hinter rechteckigen Pfeilern setzt sich fort, im Osten auf seiner Rückseite wiederum mit Betonsteinen verkleidet, mit nur kleinen Fenstern dazwischen. Im Westen ist der Laubengang dagegen rückwärtig vollständig verglast, genau wie dies in der Westhälfte der Nordfassade der Fall ist. Das dritte Joch führt dagegen ein neues Thema ein. Hier öffnet sich der Ar- kadenbogen, ähnlich wie in den äußeren Jochen der vorderen Nord- fassade, über zwei Geschosse. Er gibt auch hier den Blick auf eine zweite, dahinterliegende Fassade frei, in der Flucht der Rückseite des Laubengangs gelegen. Dabei handelt es sich jetzt aber um einen Treppenhausschacht, der über die gesamte Gebäudehöhe hinweg durchgängig verglast ist und eine Verglasung selbst noch im Dach- bereich aufweist. Die vordere, mit Natursteinplatten verkleidete Fassa- de überspannt dabei die beiden oberen Stockwerke des Treppen- hauses nur mit einem kreuzförmig angelegten Balkengitter. So bewahrt sie über diese Joche hinweg zwar ihre äußere Flucht, bleibt aber für die dahinterliegende zweite Fassade so durchlässig wie möglich.

          Weiter südlich, an 9. Jochposition, wiederholt sich ein solches in das Gebäude versenktes und von der äußeren Gebäudefront über- spanntes Treppenhaus. Hier setzt sich der verglaste Lichtschacht je- doch auch nach unten hin fort, in die beiden durch die Rampen offen- liegenden Untergeschosse, also insgesamt über sechs Stockwerke hinweg.

           Interessant ist, wie sich im aufgehenden Bereich dieser Trep- penhausjoche – genau wie an den äußeren Jochen der Nordseite – ein Echo jener Konzeption ergibt, die die Fassade nach oben hin immer kompakter werden läßt. Während die außenliegende Plattenfassade im unteren Bereich vollständig aufbricht, spannt sich im oberen Bereich besagtes Balkengitter vor die zurückversetzte Stahlglasfassade des Treppenhauses. Der untere Bereich erscheint auf diese Weise wie ein zwei Stockwerke hohes Fassadentor, während sich der obere Bereich als ein von einem riesigen steinernen Kreuz in vier quadratische Felder zerteiltes Fassadenfenster darstellt (in den äußeren Jochen der Nordfassade war es ein steinernes Doppelfenster).

          Genau wie bei den äußeren Jochen der Nordfassade erzeugen die offenen Balkengitter vor den zurückversetzten Treppenhäusern eine räumliche Tiefenwirkung, die auf angenehme Weise mit der betonten Flächigkeit der Lochfassade kontrastiert. Der Betrachter wird dazu verleitet, unterhalb dieser Durchbrüche hin und herzugehen, nach rechts, nach links, vor und zurück, um die Ein- und Durchblicke aus verschiedenen Perspektiven zu erleben. Spätestens wenn er durch die steinerne Balkenkonstruktion hindurch und über das Glasdach des Treppenhauses hinweg den Himmel erblickt, löst sich die sonst so dominante Undurchdringlichkeit des Baukörpers auf, dieser wird auf verblüffende Weise lebendig. Und der Betrachter, der dieses Erlebnis an den Außenjochen der Nordseite wiederholt, entdeckt dabei, daß sich auch hinter ihnen und den Balkonen vertikale, durchgängig verglaste Lichtschächte befinden, die zwar hier keine Treppenhäuser belichten, dafür aber die Enden der nach Süden laufenden Verbindungsflure.

          Zwischen den beiden Treppenhäusern weist die Ostseite fünf weitere Fassadenjoche auf, mit immer denselben Grundmaßen, südlich davon noch einmal acht. In diesen Bereichen, also oberhalb der Rampe, ist der Laubengang aufgegeben. Wie das erste Obergeschoß ist hier auch im Erdgeschoß der Raum zwischen den Pfeilern ganzflächig verglast. In den obersten Geschossen bleibt es bei den rechteckigen Lochfenstern, die hier in langen Reihen die Fassade bestimmen, angeordnet wie auf der Nordfassade in Gruppen zu fünf zwischen den Pfeilern, mit etwas kleinerer Breite der jeweils äußeren beiden Fensteröffnungen.

          Trotzdem kommt bei dieser Gebäudefront keine Langeweile auf. Kleine Gestaltelemente durchbrechen die großen Proportionen der Gesamtfront, lockern sie auf, fokussieren den Blick auf die Details. Der schmale, ebenerdige Laufgang vor dem Gebäude etwa, auf dem Sockel zwischen Erdgeschoß und Rampenmauer gelegen, wird vor dem süd- lichen, mit seinem Lichtschacht in die Kellergeschosse hinunterrei- chenden Treppenhaus zu einer Art von Landungsbrücke, die mit ele- ganter Leichtigkeit die sich hier auftuende Lücke zwischen den beiden steinernen Sockelenden übergreift wie die unvermeidliche Kluft zwi- schen Kai und Schiffsrumpf. Und in die Fensterfronten des ersten Obergeschosses sind, in ungleichmäßigen Abständen, insgesamt drei- zehn erkerartige Vorbauten eingehängt. Ihre Vorderfronten neigen sich oben nach außen vor und erinnern so an das Steuerhaus eines Dampfers. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um die sogenannten Carrels, abgeteilte Arbeitskabinen, die von Wissenschaftlern gemietet werden können, wenn sie über längere Zeit mit älterem, nicht ent- leihbarem Bücherbestand arbeiten.

          Und daß an diesem Gebäudeäußeren nichts willkürlich gestaltet ist, sondern sich alle Details in Themenkomplexe einordnen lassen, deren Erschließung und Deutung dem Betrachter aufgegeben sind, beweist die Verkleidung der beiden sichtbaren Kellergeschosse: hier begegnet der Betonstein wieder, der sich schon verschiedentlich an Partien vorfand, die einen innenliegenden, tragenden, mit der Erde fest verbundenen Charakter haben.

           Der Besucher, der die lange Ostfassade abgeschritten und an ihrem südlichen Ende angelangt ist, wird erstaunt darüber sein, daß sich dieser gewaltige Bauteil, von Süden her betrachtet, als schmaler, einbündiger Büroriegel entpuppt. Dieser wird hier nicht mehr – wie im Nordteil des steinplattenverkleideten Gebäuderückgrats – um die Ge- bäudeecke herum- und weitergeführt, sondern endet, etwa 20 Meter bevor er auf die vierspurige Ringstraße gestoßen wäre, mit einer nur etwa 10 Meter breiten, ebenfalls mit hellen Natursteinplatten verklei- deten Südfront. Auf deren linker Seite öffnet sich darin, etwas zurück- versetzt, ein vertikaler, durchgehend verglaster Schacht, hinter dem die Verbindungsflure auf vier Etagen sichtbar sind – diesmal nicht durch eine vorgestellte zweite Fassade verschleiert. Gegenüber dem oberen Fassadenabschluß, der auf der rechten Seite waagrecht, links aber schräg verläuft, ist der Lichtschacht lediglich etwas eingezogen, genau wie die nach oben verglasten und pultartig leicht abgeschrägten Trep- penhäuser der Ost- und Westfassade.

         Aber auch an anderen Stellen öffnet sich diese schmale Südfront dem Licht: in den beiden unteren Stockwerken sind die südöstlichen Gebäudeecken verglast, an denen Besprechungs- und Pausenräume liegen. In den Stockwerken darüber finden sich statt dessen Rund- fenster, die an Bullaugen erinnern und ihr Echo in einem viel kleineren Oculus finden, der in die kleine Stahltür im Erdgeschoß eingelassen ist.

 

 

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